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Historische Geldkontroversen prägen digitale Token

SNB-Ökonom Romain Baeriswyl verbindet Krypto, CBDC und Stablecoins mit alter Geldtheorie

Geldkontroversen prägen digitale Token
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SNB-Ökonom untersucht alte Geldtheorien im digitalen Zeitalter

Ein neues Working Paper der Schweizerischen Nationalbank untersucht, was historische Debatten über die Entstehung und die Natur des Geldes über Kryptowährungen, CBDCs und Stablecoins aussagen. Romain Baeriswyl zeigt, dass viele grundlegende Fragen der Geldtheorie auch bei den neuen digitalen Geldformen relevant bleiben.

Der Ökonom Romain Baeriswyl von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) beschäftigt sich in seinem neuen Working Paper mit einer Frage, die angesichts von Bitcoin, Stablecoins und digitalen Zentralbankwährungen wieder an Bedeutung gewinnt: Was ist Geld eigentlich, wie entsteht es und welche Eigenschaften sollte es haben?

Das Papier trägt den Titel „Yesterday’s Controversies for Tomorrow’s Money“ und ist als SNB Working Paper 10/2026 erschienen. Baeriswyl betrachtet moderne Geldformen durch die Perspektive historischer geldtheoretischer Kontroversen. Nach seiner Darstellung haben sich die technischen Formen des Geldes stark verändert, während grundlegende theoretische Fragen über Ursprung, Natur und Verwendung von Geld weiterhin bestehen.

Ursprung des Geldes: Markt oder Staat?

Die erste Kontroverse betrifft die Frage, wie Geld überhaupt entsteht. Baeriswyl stellt dabei zwei gegensätzliche Denkschulen gegenüber.

Die sogenannte Natural Law of Money geht davon aus, dass Geld aus menschlichem Handeln und wirtschaftlichem Austausch entstehen kann, ohne dass es ursprünglich von einem Staat geplant oder geschaffen werden muss. Die Gegenposition, die State Theory of Money, sieht den Staat als entscheidenden Faktor für die Entstehung von Geld.

Baeriswyl stellt diese Positionen unter anderem anhand zweier bekannter Aussagen von Friedrich von Hayek und John Maynard Keynes gegenüber. Hayek beschreibt Geld als Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlicher Planung. Keynes bezeichnet Geld dagegen als eine besondere Schöpfung des Staates.

Das Paper verweist dabei auch auf historische Beispiele. So wurden etwa Edelmetalle bereits als Zahlungsmittel verwendet, bevor Staaten begannen, daraus geprägte Münzen herzustellen. Auch moderne Kryptowährungen werden als Beispiel dafür diskutiert, dass ein Zahlungsmittel ausserhalb staatlicher Kontrolle entstehen und von privaten Akteuren angenommen werden kann.

Was ist Geld: wirtschaftliches Gut oder Kredit?

Die zweite Kontroverse beschäftigt sich mit der Natur des Geldes. Hier stehen sich die Economic Good Theory of Money und die Credit Theory of Money gegenüber.

Nach der ersten Auffassung ist Geld ein eigenständiges wirtschaftliches Gut, das vor allem als allgemein akzeptiertes Tauschmittel dient. Die Credit Theory betrachtet Geld dagegen grundsätzlich als eine Form von Kredit beziehungsweise als Anspruch auf wirtschaftliche Güter.

Baeriswyl betont, dass diese Frage von der Frage nach dem Ursprung des Geldes unterschieden werden muss. Es geht also nicht darum, wer Geld geschaffen hat, sondern darum, was Geld seinem Wesen nach ist.

In diesem Zusammenhang behandelt das Paper auch das von Ludwig von Mises entwickelte Regressionstheorem. Dieses versucht zu erklären, wie die ursprüngliche Nachfrage nach einem Gut als Tauschmittel entstehen konnte, indem auf einen bereits bestehenden nicht-monetären Wert zurückgegriffen wird.

Die Frage ist auch für Kryptowährungen relevant. Baeriswyl diskutiert, ob Bitcoin mit dem Regressionstheorem vereinbar ist, obwohl Bitcoin keinen offensichtlichen nicht-monetären Gebrauchswert wie historische Geldgüter besitzt. Das Paper stellt hierzu verschiedene Argumente gegenüber, anstatt die Frage mit einer einfachen Ja-oder-Nein-Antwort abzuschliessen.

Double-Spending: Warum digitales Geld besonders ist

Die dritte Kontroverse betrifft das sogenannte Double-Spending, also die Frage, ob derselbe Geldbetrag mehrfach verwendet werden kann.

Bei digitalen Token ist die Verhinderung einer solchen Mehrfachverwendung eine zentrale technische Herausforderung. Moderne kryptografische und verteilte Ledger-Systeme ermöglichen es, digitale Token zu übertragen, ohne dass zwingend ein zentraler Verwalter sämtliche Kontostände führen muss.

Baeriswyl zeigt jedoch, dass hinter dieser technischen Frage eine ältere wirtschaftliche Kontroverse steht. Das heutige Geldsystem basiert in erheblichem Umfang auf einer elastischen Geldmenge. Bei Geschäftsbankeinlagen kann die gleiche Basis von Zentralbankgeld als Grundlage für zusätzliche Kredit- und Geldschöpfung dienen. Kryptowährungen wie Bitcoin verfolgen dagegen das Prinzip, dass ein Token nicht gleichzeitig mehreren Personen gehören beziehungsweise mehrfach ausgegeben werden kann.

Damit verbindet das Paper die technische Frage des Double-Spending mit einer grundlegenden wirtschaftlichen Frage: Ist eine elastische Geldmenge ein Vorteil für das Geldsystem oder stellt eine begrenzte und nicht beliebig ausweitbare Geldmenge einen Vorteil dar?

Ein Raster für Bitcoin, CBDCs und Stablecoins

Besonders interessant ist die Systematisierung im fünften Kapitel des Papers. Baeriswyl ordnet verschiedene Geldformen entlang mehrerer theoretischer Dimensionen ein: dem Ursprung des Geldes, seiner Natur sowie der Frage, ob Double-Spending möglich ist.

Das daraus entstehende Raster unterscheidet unter anderem zwischen Natural Law und State Theory sowie zwischen Economic Good und Credit. Je nach Ausgestaltung können darin Edelmetalle, Kryptowährungen, staatliches Fiatgeld, Bankeinlagen, CBDCs und verschiedene Formen von Stablecoins eingeordnet werden.

Gerade bei Stablecoins zeigt sich, dass eine einfache Zuordnung nicht ausreicht. Baeriswyl unterscheidet beispielsweise zwischen vollständig und teilweise gedeckten Stablecoins sowie danach, in welchem Vermögenswert sie einlösbar sind. Teilweise gedeckte Stablecoins können dabei ähnlich wie Teilreserve-Bankeinlagen zur Ausweitung der Geldmenge beitragen. Vollständig gedeckte Stablecoins weisen dagegen andere monetäre Eigenschaften auf.

Auch CBDCs werden im Modell des Autors differenziert betrachtet. Potenzielle digitale Zentralbankwährungen ordnet er unter anderem der staatlich ausgegebenen Geldform zu. Gleichzeitig behandelt er ihre Eigenschaften innerhalb der Unterscheidung zwischen wirtschaftlichem Gut und Kredit.

Bitcoin und die Frage nach dem Geld der Zukunft

Das Paper kommt nicht zu dem Schluss, dass eine bestimmte Geldform eindeutig die Zukunft bestimmen wird. Vielmehr bleibt laut Baeriswyl die Frage offen, welche Token am besten geeignet sind, künftig die Funktionen von Geld zu erfüllen.

Die unterschiedlichen Geldformen weisen dabei unterschiedliche Eigenschaften auf. Kryptowährungen beruhen auf kryptografischen Protokollen und können unabhängig vom Staat entstehen. Staatlich ausgegebenes Fiatgeld steht dagegen in engem Zusammenhang mit staatlichen Institutionen. Bankeinlagen und bestimmte Stablecoins wiederum beruhen auf Kreditbeziehungen und können je nach Ausgestaltung zur Geldschöpfung beitragen.

Baeriswyl zeigt damit vor allem, dass die Diskussion über die Zukunft des Geldes nicht allein eine technische Frage ist. Hinter Bitcoin, CBDCs und Stablecoins stehen unterschiedliche Vorstellungen darüber, woher Geld seinen Wert erhält, was Geld seinem Wesen nach ist und wie seine Menge kontrolliert werden sollte.

Keine offizielle Position der SNB

Wichtig ist die Einordnung des Dokuments: Es handelt sich um ein Working Paper und nicht um eine offizielle geldpolitische Stellungnahme der Schweizerischen Nationalbank.

Im Paper wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die darin vertretenen Ansichten, Meinungen, Ergebnisse und Schlussfolgerungen die des Autors sind und nicht zwingend die Position der SNB widerspiegeln. Working Papers dienen laut dem Dokument dazu, Forschungsarbeiten zur Diskussion zu stellen und weitere Debatten anzuregen.

Das Paper liefert damit vor allem einen theoretischen Rahmen, um die unterschiedlichen Formen des digitalen Geldes besser miteinander vergleichen zu können. Die historischen Kontroversen werden dabei nicht als abschliessend gelöste Fragen präsentiert, sondern als Instrument, um die heutigen Entwicklungen im Geldsystem besser zu verstehen.

Fazit

Die zentrale Erkenntnis der Analyse lautet: Die Digitalisierung des Geldes hat viele technische Möglichkeiten verändert, aber die grundlegenden Fragen der Geldtheorie sind geblieben. Woher entsteht Geld? Was macht Geld zu Geld? Und welche Folgen hat es, wenn dieselbe monetäre Basis mehrfach zur Schaffung von Zahlungsmitteln verwendet werden kann?

Mit seinem Working Paper zeigt Romain Baeriswyl, dass diese Fragen nicht erst mit Bitcoin, Stablecoins oder CBDCs entstanden sind. Die neuen Geldformen geben alten theoretischen Kontroversen vielmehr eine neue praktische Bedeutung.

Quellen

  • Yesterday’s Controversies for Tomorrow’s Money, Romain Baeriswyl, SNB Working Paper 10/2026, August 2026.
  • Schweizerische Nationalbank, SNB Working Papers.

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