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Island sagt Nein zu neuen EU-Verhandlungen – was heisst das für die Schweiz?

Knappes Nein in Island: Schweizer Europapolitik bleibt ohne belegte Lehren.

Island sagt Nein
Bild: open AI

52,8 Prozent der Isländerinnen und Isländer lehnen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen ab. Der Entscheid ist auch für die Schweiz interessant: Beide Länder sind eng mit der EU verbunden, gehen dabei aber unterschiedliche Wege.

Island will vorerst keine neuen Verhandlungen über einen EU-Beitritt aufnehmen. Beim Referendum vom 29. August 2026 stimmten 118'040 Menschen gegen die Wiederaufnahme der Gespräche, 105'399 dafür. Das entspricht 52,8 beziehungsweise 47,2 Prozent. Die Beteiligung lag bei 82,6 Prozent.

Wichtig ist dabei: Die Abstimmung betraf nicht den EU-Beitritt selbst. Die Isländerinnen und Isländer entschieden darüber, ob die bereits seit Jahren ruhenden Beitrittsverhandlungen wieder aufgenommen werden sollten. Selbst bei einem Ja wäre später noch eine weitere Abstimmung über einen tatsächlichen EU-Beitritt vorgesehen gewesen.

Island hatte schon einmal verhandelt

Island beantragte 2009 während der Finanzkrise die Aufnahme in die Europäische Union. Die Beitrittsverhandlungen begannen kurz darauf, wurden nach einem Regierungswechsel jedoch 2013 auf Eis gelegt. Die Bewerbung wurde nicht formell zurückgezogen.

Die Regierung von Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir wollte die Frage nun erneut zur Abstimmung stellen. Sie argumentierte unter anderem mit der veränderten Sicherheitslage in Europa. Island ist zwar Gründungsmitglied der NATO und verfügt über keine eigene Armee, steht aber vor neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen.

Nach dem Nein erklärte Frostadóttir, das Ergebnis sei ein «Sieg der Demokratie». Die Regierung muss nun zunächst akzeptieren, dass es keine neuen Beitrittsverhandlungen geben wird.

Fischerei war ein entscheidendes Thema

Im Abstimmungskampf spielte die Fischerei eine besonders wichtige Rolle. Viele Gegner einer Wiederaufnahme der Verhandlungen befürchteten, dass Island bei einem späteren EU-Beitritt einen Teil der Kontrolle über seine Fischereiressourcen verlieren könnte.

Die Bedeutung ist wirtschaftlich erheblich: Die Fischerei trägt rund 15 Prozent zum isländischen Bruttoinlandprodukt bei und steht für etwa 40 Prozent der Exporte. Für ein Land mit gut 400'000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Kontrolle über die eigenen Fanggebiete deshalb nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Frage.

Frostadóttir hatte zugleich zugesagt, die Verhandlungen abzubrechen, falls Island seine Kontrolle über die Fischereiressourcen nicht sichern könne. Ein Ja zur Wiederaufnahme der Gespräche hätte deshalb keineswegs automatisch einen EU-Beitritt bedeutet.

Island ist der EU trotzdem sehr nah

Das Nein bedeutet auch nicht, dass Island sich von Europa abwendet. Das Land ist Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und damit eng in den europäischen Binnenmarkt eingebunden. Zudem gehört Island zum Schengen-Raum.

Island profitiert dadurch von einem weitreichenden Zugang zum europäischen Markt, hat aber bei vielen Entscheidungen der EU kein Stimmrecht. Genau darin liegt das politische Spannungsfeld: Das Land ist wirtschaftlich eng mit der EU verbunden, möchte aber seine politische und wirtschaftliche Eigenständigkeit bewahren.

Was hat das mit der Schweiz zu tun?

Hier wird der Entscheid auch für die Schweiz interessant. Auch die Schweiz ist kein EU-Mitglied und unterhält gleichzeitig enge Beziehungen zur Europäischen Union. Der Unterschied liegt vor allem im Modell.

Island ist über den EWR in den europäischen Binnenmarkt eingebunden. Die Schweiz gehört dagegen nicht zum EWR. Ihre Beziehungen zur EU beruhen auf einem umfangreichen Netz bilateraler Abkommen.

Beide Länder zeigen damit unterschiedliche Wege, wie ein kleiner europäischer Staat eng mit der EU wirtschaftlich und politisch verbunden sein kann, ohne Mitglied der Union zu werden.

Das Schweizer Interesse am isländischen Entscheid

Für die Schweizer Europapolitik liefert das Referendum deshalb keine direkte Handlungsanweisung. Es zeigt aber, dass die Frage nach der richtigen Nähe zur EU auch in einem kleinen, wohlhabenden europäischen Staat umstritten bleibt.

Island steht dabei vor einem besonderen Zielkonflikt: Das Land profitiert von der europäischen Integration, möchte aber gleichzeitig möglichst viel Kontrolle über zentrale Bereiche wie die Fischerei behalten. In der Schweiz stellt sich eine ähnliche Grundfrage – allerdings in einem anderen institutionellen Rahmen.

Der Unterschied ist entscheidend: Während in Island die Fischerei zu den zentralen Argumenten gegen neue Verhandlungen gehörte, drehen sich die Schweizer Debatten unter anderem um den Zugang zum EU-Binnenmarkt, Personenfreizügigkeit, Forschung, Energie und die institutionelle Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen.

Ein knappes Ergebnis

Das Referendum zeigt zudem, wie gespalten die isländische Bevölkerung in der EU-Frage ist. Der Abstand betrug lediglich 12'641 Stimmen. Fast die Hälfte der Abstimmenden hätte die Verhandlungen wieder aufnehmen wollen.

Das Ergebnis ist deshalb weniger ein endgültiger Bruch mit der Europäischen Union als eine Entscheidung gegen einen neuen Anlauf für einen möglichen EU-Beitritt. Die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Europa bleibt bestehen.

Für die Schweiz liegt die wichtigste Erkenntnis darin, dass Nähe zur EU und politische Eigenständigkeit nicht zwingend Gegensätze sein müssen. Island und die Schweiz haben dafür unterschiedliche Modelle entwickelt. Das Referendum in Island zeigt jedoch auch: Je enger die Beziehungen zur EU werden, desto stärker können Fragen nach Souveränität, wirtschaftlichen Interessen und nationaler Kontrolle in den Mittelpunkt rücken.

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