
Lebenserwartung der Männer: Der Gewinn verschiebt sich ins hohe Alter
Die BFS-Daten zeigen einen tiefgreifenden Wandel: Zunächst brachte der Rückgang der Kindersterblichkeit grosse Fortschritte. Heute entscheidet die Gesundheit im höheren Alter stärker über die Lebenserwartung.
Die Lebenserwartung der Männer in der Schweiz ist seit dem späten 19. Jahrhundert stark gestiegen. Für die Jahre 1876 bis 1880 weist die historische Sterbetafel einen Wert von rund 41 Jahren aus. 2023 lag die Kennzahl bei 82,2 Jahren. Damit hat sie sich in knapp eineinhalb Jahrhunderten ungefähr verdoppelt.
Von rund 41 auf 82,2 Jahre
Die aktuelle Zahl ist jedoch kein persönliches Versprechen für einen heute geborenen Jungen. Sie ist ein statistischer Periodenwert: Berechnet wird, wie viele Jahre ein Neugeborener durchschnittlich erwarten könnte, falls die altersspezifischen Sterblichkeitsverhältnisse eines bestimmten Jahres dauerhaft gelten würden. Künftige medizinische, gesellschaftliche oder gesundheitliche Veränderungen sind darin nicht eingerechnet.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick hinter die lange Kurve. Nicht jedes zusätzliche Lebensjahr ist auf dieselbe Entwicklung zurückzuführen, und nicht jede Altersgruppe leistete über die gesamte Zeit denselben Beitrag zum Anstieg.
Früher retteten Fortschritte vor allem junge Leben
In den ersten Jahrzehnten des beobachteten Zeitraums prägte insbesondere die sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit den Anstieg der Lebenserwartung bei Geburt. Wenn weniger Kinder im ersten Lebensjahr oder in jungen Jahren starben, erhöhte sich der Durchschnittswert stark. Diese rechnerische Wirkung ist gross, weil jeder vermiedene frühe Todesfall viele erwartete Lebensjahre betrifft.
Das erklärt, weshalb die Lebenserwartung bei Geburt im historischen Vergleich besonders schnell zulegen konnte. Verbesserungen bei Ernährung, Hygiene, Wohnverhältnissen, medizinischer Versorgung und öffentlicher Gesundheit gehören zum langfristigen Kontext. Die BFS-Analyse ordnet den anfänglichen Anstieg aber vor allem der rückläufigen Säuglings- und Kindersterblichkeit zu; sie liefert keine einfache Rangliste einzelner Ursachen.
Der Blick auf die Vergangenheit korrigiert damit eine verbreitete Verkürzung: Die Verdoppelung der Lebenserwartung bedeutet nicht bloss, dass Menschen am Lebensende immer älter werden. Zunächst bedeutete sie vor allem, dass deutlich mehr Menschen das Erwachsenenalter erreichten.
Heute zählt die Sterblichkeit im höheren Alter stärker
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts verschob sich der Schwerpunkt. Die Lebenserwartung im Alter von 60 und 80 Jahren nahm ebenfalls zu. Fortschritte bei Prävention, Diagnostik und Behandlung können deshalb auch dann die durchschnittliche Lebenserwartung erhöhen, wenn die Kindersterblichkeit bereits sehr tief ist.
Für Männer, die 2023 das 65. Lebensjahr erreicht hatten, betrug die weitere statistische Lebenserwartung 20,3 Jahre. Das heisst nicht, dass jeder 65-Jährige exakt dieses Alter erreicht. Es zeigt aber, wie stark die Sterblichkeit auch nach dem Pensionsalter für die Gesamtentwicklung zählt.
Zwischen 1990 und 2023 gewann die Lebenserwartung bei Geburt der Männer laut BFS weitere 8,2 Jahre. Die Differenz zu den Frauen besteht weiterhin, sie hat sich im längerfristigen Vergleich jedoch verringert. 2023 lagen Männer bei 82,2 und Frauen bei 85,8 Jahren.
Länger leben ist nicht gleich länger gesund leben
Die Lebenserwartung allein sagt wenig darüber aus, wie diese Jahre erlebt werden. Das BFS beziffert die Lebenserwartung bei guter Gesundheit für Männer im Jahr 2022 auf 70,7 Jahre. Zwischen diesem Wert und der Lebenserwartung bei Geburt 2023 liegt rechnerisch eine Differenz von mehr als elf Jahren. Weil die Kennzahlen aus unterschiedlichen Erhebungsjahren stammen und unterschiedlich definiert sind, darf daraus keine individuelle Krankheitsdauer abgeleitet werden. Als gesellschaftlicher Hinweis ist die Differenz dennoch relevant.
Die Alterung der Bevölkerung erhöht den Bedarf an Prävention, Grundversorgung, Pflege und altersgerechten Wohnformen. Die historische Statistik lässt sich deshalb nicht als Erfolgsmeldung allein lesen. Sie zeigt auch, dass Gesundheitspolitik zunehmend dort ansetzt, wo der frühere grosse Gewinn bereits weitgehend erreicht ist: bei chronischen Krankheiten, funktioneller Selbstständigkeit und einer guten Versorgung im hohen Alter.
Der nächste Fortschritt wird sich weniger daran messen lassen, ob die Lebenserwartung nochmals steigt. Entscheidend ist, ob die zusätzlichen Jahre möglichst viele Jahre in guter Gesundheit bleiben.



