Vontobel zieht nach Baar – Zürich verliert einen traditionsreichen Hauptsitz
Nach mehr als 100 Jahren verlegt Vontobel seinen Hauptsitz in den Kanton Zug. In Zürich bleibt das Unternehmen mit einem wichtigen Kundenstandort präsent.

Vontobel hat am Montag einen langfristigen Mietvertrag für einen neuen Campus im Lindenpark in Baar bekannt gegeben. Der Standort soll 2030 eröffnet werden und Mitarbeitende zusammenführen, die heute auf sieben Gebäude in Zürich verteilt sind. Das Unternehmen will damit die Zusammenarbeit verbessern und Raum für weiteres Wachstum schaffen.
Nach über 100 Jahren endet eine Ära
Vontobel wurde 1924 in Zürich gegründet. Über Jahrzehnte war der Vermögensverwalter eng mit dem Zürcher Finanzplatz verbunden. Mit dem geplanten Umzug des Hauptsitzes nach Baar verliert die Stadt nun einen bekannten Namen aus der Finanzbranche.
Von einem vollständigen Abschied aus Zürich kann allerdings keine Rede sein. Vontobel will den Standort am Bleicherweg umfassend erneuern und zu einem Kundenstandort ausbauen. Dort sollen künftig mehr als 300 kundennahe Mitarbeitende tätig sein. Auch die Kundenbetreuung sowie die bestehenden Standorte in anderen Schweizer Städten bleiben unverändert.
Für Zürich bedeutet der Entscheid deshalb vor allem eine Verschiebung: Der zentrale Hauptsitz mit einem grossen Teil der Belegschaft zieht nach Zug, während Zürich stärker zum Kunden- und Repräsentationsstandort wird.
Warum Baar?
Vontobel begründet den Entscheid offiziell nicht mit einem einzelnen Faktor. Der neue Campus soll eine engere Zusammenarbeit ermöglichen, weiteres Wachstum unterstützen und ein modernes Arbeitsumfeld schaffen. Auch die Verkehrsanbindung und das wirtschaftliche Umfeld des Standorts spielen eine Rolle.
Der Entscheid fällt allerdings in einen ausgeprägten Schweizer Standortwettbewerb. Der Kanton Zug gehört seit Jahren zu den attraktivsten Unternehmensstandorten der Schweiz. Die Unternehmenssteuerbelastung liegt deutlich unter jener im Kanton Zürich. Für Baar weist der Kanton Zug für 2026 einen Gemeindesteuerfuss von 47,53 Prozent aus; bei der Gesamtsteuerbelastung von Unternehmen liegt Zug ebenfalls deutlich günstiger als Zürich.
Vontobel selbst hat die Steuerbelastung in seiner Mitteilung jedoch nicht als ausschlaggebenden Grund für den Umzug genannt. Es wäre deshalb zu weitgehend, den Standortwechsel allein als Folge des Steuerwettbewerbs darzustellen.
Zürich steht unter Standortdruck
Der Fall zeigt dennoch ein strukturelles Problem für Zürich. Der Kanton verfügt über grosse Vorteile: einen internationalen Flughafen, Hochschulen, einen starken Finanzplatz und einen grossen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig ist die Unternehmenssteuerbelastung im nationalen Vergleich hoch.
Der Kanton Zürich selbst räumt diesen Nachteil ein. In seinem Steuerbelastungsmonitor 2026 liegt Zürich bei den Unternehmenssteuern im kantonalen Vergleich am Schluss. Gleichzeitig betont der Kanton, dass Zürich bei anderen Standortfaktoren – etwa Hochschulen, Fachkräften und internationaler Vernetzung – besonders stark ist.
Der Wettbewerb beschränkt sich deshalb längst nicht mehr auf die Frage, welcher Kanton die niedrigsten Steuern verlangt. Für grosse Unternehmen zählen ebenso verfügbare Flächen, Verkehrsanbindung, Fachkräfte, Infrastruktur und die Nähe zu Kunden und Geschäftspartnern.
Für Zug ist Vontobel ein weiterer Erfolg
Baar kann mit dem Zuzug einen weiteren prominenten Namen aus der Finanz- und Unternehmenswelt gewinnen. Der Kanton Zug hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen Standort für internationale Unternehmen entwickelt.
Die Nähe zu Zürich dürfte für Vontobel dabei ein entscheidender Vorteil sein. Baar liegt nur wenige Kilometer vom bisherigen Hauptsitz entfernt. Mitarbeitende und Kunden müssen sich damit nicht auf einen völlig neuen Wirtschaftsraum einstellen.
Auch für Vontobel selbst ist der Wechsel deshalb weniger radikal, als es die Schlagzeile «Zürich verliert Vontobel» vermuten lässt. Das Unternehmen bleibt in der Region und investiert gleichzeitig weiter in Zürich.
Was bedeutet der Umzug für die Mitarbeitenden?
Für die Beschäftigten verändert sich dennoch einiges. Mehr als 1500 Mitarbeitende sollen künftig am neuen Campus in Baar arbeiten. Heute sind sie auf sieben Zürcher Gebäude verteilt.
Für viele dürfte der Arbeitsweg länger oder zumindest anders werden. Gleichzeitig verspricht der neue Campus ein zentralisiertes Arbeitsumfeld. Ob der Standortwechsel zu personellen Veränderungen führt, ist derzeit nicht bekannt.
Vontobel beschäftigt zudem weiterhin Mitarbeitende an zahlreichen anderen Schweizer Standorten. Die Büros in Basel, Bern, Chur, Genf, Lausanne, Locarno, Luzern, Lugano, St. Gallen und Winterthur bleiben bestehen.
Ein Warnsignal für Zürich?
Politisch dürfte der Entscheid dennoch aufmerksam verfolgt werden. Grossunternehmen sind für den Kanton Zürich wirtschaftlich besonders wichtig. Gemäss dem Zürcher Wirtschaftsmonitoring beschäftigen Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden rund 39 Prozent der Beschäftigten im Kanton und erwirtschaften einen ähnlich hohen Anteil der Wertschöpfung.
Ein einzelner Wegzug bedeutet deshalb noch keine Abwanderungswelle. Die Stadt Zürich weist zudem darauf hin, dass Vontobel mit dem Verbleib des Kundengeschäfts am Bleicherweg die Bedeutung des Standorts unterstreicht.
Trotzdem ist der Entscheid symbolisch bedeutsam. Ein Unternehmen, das seit mehr als 100 Jahren mit Zürich verbunden ist, baut seinen neuen Hauptsitz bewusst in einem anderen Kanton auf.
Der Steuerwettbewerb bleibt
Der Fall Vontobel zeigt damit die Stärke und zugleich die Schwierigkeit des Schweizer Föderalismus: Unternehmen können ihren Standort innerhalb weniger Kilometer verlagern und dabei von unterschiedlichen Rahmenbedingungen profitieren.
Für Zürich stellt sich die Frage, wie viel Gewicht die Stadt und der Kanton künftig auf die Attraktivität für grosse Unternehmen legen müssen. Steuersenkungen allein werden kaum ausreichen. Zürich muss vielmehr seine bestehenden Stärken – Infrastruktur, Hochschulen, Fachkräfte und internationale Vernetzung – erhalten und gleichzeitig die Kosten für Unternehmen im Blick behalten.
Für Vontobel beginnt derweil ein neues Kapitel. Der Hauptsitz soll 2030 in Baar eröffnet werden. Zürich bleibt wichtig, aber seine Rolle verändert sich.
Der Umzug ist deshalb mehr als ein Wechsel der Adresse: Er zeigt, wie stark der Standortwettbewerb innerhalb der Schweiz geworden ist – und wie Unternehmen zwischen den Stärken von Zürich und den Standortvorteilen von Zug abwägen.



