Psychische Erkrankungen weltweit fast verdoppelt – was bedeutet das für die Schweiz?
Eine Lancet-Studie zeigt fast eine Verdoppelung. Der Waadtländer Psychiater Friedrich Stiefel ordnet die Zahlen ein.

Psychische Erkrankungen weltweit fast verdoppelt – was bedeutet das für die Schweiz?
1,17 Milliarden Menschen lebten 2023 weltweit mit einer psychischen Erkrankung. Eine neue Analyse in «The Lancet» zeigt einen Anstieg von rund 95 Prozent seit 1990. Doch bedeutet das tatsächlich, dass die Welt psychisch immer kränker wird? Und was lässt sich daraus über die Situation in der Schweiz ableiten?
Die Zahl ist beeindruckend: Rund 1,17 Milliarden Menschen waren 2023 weltweit von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht nahezu jedem siebten Menschen. Gegenüber 1990 hat sich die Zahl damit fast verdoppelt.
Die Forschenden werteten Daten aus 204 Ländern und Territorien aus und untersuchten zwölf verschiedene psychische Erkrankungen. Dazu gehören unter anderem Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie.
Doch hinter der scheinbar einfachen Aussage «doppelt so viele psychisch Erkrankte» steckt eine kompliziertere Entwicklung.
Mehr Fälle – aber nicht einfach doppelt so viel Leid
Die Weltbevölkerung ist seit 1990 stark gewachsen und gleichzeitig älter geworden. Allein deshalb gibt es heute mehr Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden können. Die Forschenden kommen deshalb zusätzlich auf eine altersstandardisierte Zunahme der Prävalenz von rund 24 Prozent.
Das ist deutlich weniger als die Zunahme der absoluten Fallzahlen. Die Entwicklung lässt sich also nicht allein damit erklären, dass psychische Erkrankungen heute doppelt so häufig auftreten.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Psychische Erkrankungen werden heute häufiger erkannt. Menschen sprechen offener über Depressionen, Angststörungen oder andere psychische Probleme und suchen eher professionelle Hilfe. Eine steigende Zahl diagnostizierter Fälle kann deshalb teilweise auch ein Zeichen dafür sein, dass ein Problem sichtbarer geworden ist.
Was davon trifft auf die Schweiz zu?
Hier wird die Geschichte besonders interessant. Denn eine Verdoppelung der psychischen Erkrankungen lässt sich für die Schweiz nicht aus der Lancet-Studie ableiten.
Der Grund ist die Datenlage. Der Nationale Gesundheitsbericht 2025 weist darauf hin, dass der Schweiz regelmässige epidemiologische Erhebungen fehlen, mit denen sich die Häufigkeit psychischer Erkrankungen über längere Zeit zuverlässig vergleichen lässt.
Das bedeutet: Wir wissen, dass psychische Erkrankungen in der Schweiz ein bedeutendes Gesundheitsproblem sind. Wir können aber nicht seriös behaupten, dass sich ihre Häufigkeit hier ebenfalls seit 1990 verdoppelt hat.
Das Bundesamt für Gesundheit geht davon aus, dass innerhalb eines Jahres bis zu ein Drittel der Schweizer Bevölkerung von einer psychischen Krankheit betroffen sein kann. Gleichzeitig erhält nur etwa die Hälfte der Betroffenen eine Behandlung.
Damit stellt sich für die Schweiz eine andere Frage als nur die nach steigenden Fallzahlen: Wie viele Menschen leiden tatsächlich – und wie viele davon werden erkannt und behandelt?
Junge Menschen besonders im Fokus
Die internationale Studie liefert noch einen weiteren wichtigen Hinweis. Psychische Erkrankungen treffen nicht nur Erwachsene. Die höchste altersstandardisierte Krankheitslast wurde 2023 bei den 15- bis 19-Jährigen festgestellt.
Gerade bei Jugendlichen können psychische Probleme weitreichende Folgen haben. Sie können Ausbildung, soziale Beziehungen und den späteren Einstieg ins Berufsleben beeinflussen.
Auch in der Schweiz wird die psychische Gesundheit junger Menschen zunehmend zum Thema. Der Nationale Gesundheitsbericht beschreibt insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen anhaltende psychische Belastungen.
Warum die Diagnosezahlen steigen können
Der Waadtländer Psychiater Friedrich Stiefel, Chefarzt der Konsiliarpsychiatrie am Universitätsspital Lausanne, warnt deshalb davor, steigende Diagnosezahlen automatisch mit einer Verschlechterung des psychischen Zustands der gesamten Bevölkerung gleichzusetzen.
Seine Erklärung: Die Gesellschaft gehe heute anders mit psychischen Problemen um. Was früher verborgen oder gar nicht diagnostiziert wurde, werde häufiger angesprochen und behandelt.
Gleichzeitig sieht Stiefel eine zunehmende gesellschaftliche Verunsicherung. Energie-, Sicherheits- und Klimafragen könnten bei Menschen Ängste auslösen. Auch Erfahrungen von Verlust könnten eine Rolle spielen – insbesondere dann, wenn Menschen keine Möglichkeit finden, diese Verluste zu verarbeiten.
Damit entsteht ein widersprüchliches Bild: Mehr Diagnosen können sowohl mehr erkannte Erkrankungen als auch eine tatsächliche Zunahme psychischer Belastungen widerspiegeln. Beides lässt sich nicht ohne Weiteres voneinander trennen.
Depressionen und die Frage nach dem Verlust
Besonders deutlich wird diese Frage bei Depressionen. Laut der Lancet-Analyse gehören depressive Erkrankungen weltweit zu den wichtigsten Ursachen psychischer Krankheitslast.
Stiefel verbindet Depressionen unter anderem mit Verlust. Trauer sei grundsätzlich eine normale Reaktion auf einen Verlust. Wenn Verluste jedoch sehr gross oder immer wiederkehrend seien und nicht verarbeitet werden könnten, könne daraus eine depressive Entwicklung entstehen.
Das ist keine einfache Erklärung für Depressionen – psychische Erkrankungen haben meist viele miteinander verbundene Ursachen. Sie zeigt aber, wie stark gesellschaftliche Veränderungen und individuelle Lebenssituationen zusammenspielen können.
Ein globales Problem mit Schweizer Konsequenzen
Die Dimension der Entwicklung wird auch bei einer anderen Kennzahl sichtbar: Psychische Erkrankungen verursachten 2023 weltweit rund 171 Millionen DALYs. Diese Kennzahl fasst Lebensjahre zusammen, die durch Krankheit, Behinderung oder vorzeitigen Tod verloren gehen.
Psychische Erkrankungen gehören damit nicht zu einem Randbereich der Medizin. Sie zählen weltweit zu den wichtigsten Ursachen für gesundheitlich beeinträchtigte Lebensjahre.
Für die Schweiz bedeutet das nicht, dass sofort von einer «Verdoppelung» gesprochen werden kann. Vielmehr zeigt die Studie, warum eine gute Datengrundlage so wichtig ist.
Was die Schweiz daraus lernen kann
Die erste Konsequenz ist deshalb unspektakulär, aber entscheidend: Die Schweiz muss genauer wissen, wie sich die psychische Gesundheit ihrer Bevölkerung entwickelt.
Regelmässige und vergleichbare Daten könnten zeigen, ob psychische Erkrankungen tatsächlich häufiger werden, ob vor allem mehr Menschen eine Diagnose erhalten oder ob sich beides gleichzeitig verändert.
Gleichzeitig bleibt die Versorgung entscheidend. Wer frühzeitig Hilfe erhält, hat bessere Chancen, dass sich psychische Probleme nicht verfestigen. Prävention, niederschwellige Angebote und ein offener Umgang mit psychischer Gesundheit können deshalb ebenso wichtig sein wie die Behandlung selbst.
Die neue Lancet-Studie liefert somit keine einfache Antwort auf die Frage, ob die Menschen heute psychisch kränker sind als früher. Sie zeigt aber eindrücklich, wie gross die globale Herausforderung geworden ist.
Für die Schweiz lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: «Hat sich die Zahl der psychisch Erkrankten verdoppelt?» Sondern: «Wissen wir überhaupt genau genug, wie sich die psychische Gesundheit der Bevölkerung verändert – und tun wir genug, um diejenigen zu erreichen, die Hilfe brauchen?»



