Ratko Mladić gestorben: Kriegsverbrecher stirbt mit 84 in Den Haag
Der frühere bosnisch-serbische Armeechef wurde 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Tod wirft Fragen zur internationalen Strafjustiz auf.

Ratko Mladić ist tot: Der Mann hinter Srebrenica und der Belagerung von Sarajevo
Der frühere Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee, Ratko Mladić, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Mladić verbüsste in Den Haag eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Er war eine der zentralen Figuren des Bosnienkriegs.
Serbische Medien hatten zunächst über seinen Tod berichtet. Die Nachricht wurde anschliessend von internationalen Nachrichtenagenturen und Medien aufgegriffen. Mladić starb nach Angaben mehrerer Quellen in einem Gefängniskrankenhaus der Vereinten Nationen in Den Haag. Ein hochrangiger UN-Vertreter bestätigte seinen Tod gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.
Eine Schlüsselfigur des Bosnienkriegs
Ratko Mladić wurde 1942 in Bosnien geboren und schlug nach dem Zweiten Weltkrieg eine militärische Laufbahn ein. Im Mai 1992 übernahm er das Kommando über den Generalstab der Armee der Republika Srpska. Diese Funktion hatte er während des grössten Teils des Bosnienkriegs inne.
Unter seinem Kommando wurden grosse Teile Bosniens von serbischen Streitkräften kontrolliert. Das internationale Kriegsverbrechertribunal stellte später fest, dass Mladić eine führende Rolle bei Kampagnen zur Vertreibung bosnischer Muslime und bosnischer Kroaten spielte.
Zu den zentralen Anklagepunkten gehörte auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo. Die bosnische Hauptstadt wurde von serbischen Truppen beschossen und von Scharfschützen bedroht. Ziel der Kampagne war nach den Feststellungen des Gerichts, unter der Zivilbevölkerung Terror zu verbreiten.
Srebrenica wurde zum Symbol
International besonders bekannt wurde Mladić wegen seiner Rolle beim Massaker von Srebrenica im Juli 1995. Die bosnisch-serbischen Streitkräfte nahmen die damals von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärte Enklave ein.
In den folgenden Tagen wurden mehr als 8'000 bosniakische Männer und Jungen ermordet. Frauen, Kinder und ältere Menschen wurden gewaltsam aus der Region vertrieben. Das Massaker gilt als Völkermord und als eines der schwersten Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.
Das spätere UN-Kriegsverbrechertribunal stellte fest, dass Mladić eine führende Rolle bei der Operation hatte. Die internationale Justiz sah in seinem Vorgehen einen Versuch, die bosnisch-muslimische Bevölkerung von Srebrenica dauerhaft zu beseitigen.
16 Jahre auf der Flucht
Bereits 1995 wurde Mladić vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien angeklagt. Ihm wurden unter anderem Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen vorgeworfen.
Nach dem Ende des Krieges entzog er sich jahrelang der Festnahme. Insgesamt blieb er rund 16 Jahre untergetaucht. Im Mai 2011 wurde er in Serbien festgenommen und anschliessend nach Den Haag überstellt.
Der Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien begann 2012. Im November 2017 wurde Mladić wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstössen gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges zu lebenslanger Haft verurteilt.
Das Urteil wurde 2021 bestätigt
Anders als es in einer früheren Fassung dieses Artikels hiess, blieb die Verurteilung nicht in einem offenen Berufungsverfahren. Die Berufungskammer des International Residual Mechanism for Criminal Tribunals bestätigte das Urteil am 8. Juni 2021.
Damit wurden die Verurteilungen wegen Völkermords, Verfolgung, Ausrottung, Mord, Deportation und anderer unmenschlicher Handlungen sowie wegen weiterer Kriegsverbrechen bestätigt. Auch die lebenslange Freiheitsstrafe blieb bestehen. Der UN-Mechanismus führt das Verfahren inzwischen als abgeschlossen.
Die Richter bestätigten damit die zentrale Verantwortung Mladićs für die Verbrechen in Srebrenica, die Kampagne gegen die Zivilbevölkerung von Sarajevo und weitere Verbrechen während des Bosnienkriegs.
Keine Reue bis zuletzt
Mladić bestritt die Legitimität des Verfahrens und zeigte während des Prozesses keine Reue für die ihm vorgeworfenen Taten. Gleichzeitig blieb er für einen Teil der serbischen Bevölkerung eine umstrittene Symbolfigur. Während Opferverbände und internationale Institutionen ihn als Verantwortlichen für schwerste Kriegsverbrechen betrachteten, wurde er von Teilen des serbischen und bosnisch-serbischen Milieus weiterhin als militärischer Anführer und Nationalheld dargestellt.
Sein Tod beendet damit auch die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Name wie kaum ein anderer mit den Verbrechen des Bosnienkriegs verbunden ist.
Ein Fall von historischer Bedeutung für die internationale Justiz
Der Prozess gegen Mladić war einer der bedeutendsten Fälle der internationalen Strafjustiz nach den Jugoslawienkriegen. Das Verfahren dokumentierte detailliert die militärischen Operationen, die Vertreibungen, die Angriffe auf Zivilisten und die Ereignisse in Srebrenica.
Mit der Bestätigung des Urteils im Jahr 2021 wurde endgültig festgehalten, dass Mladić für zentrale Verbrechen des Bosnienkriegs strafrechtlich verantwortlich war. Sein Tod verändert deshalb nichts am juristischen Ergebnis des Verfahrens.
Für die Opfer und ihre Angehörigen bleibt die Aufarbeitung der Verbrechen dennoch eine langfristige Aufgabe. Besonders Srebrenica ist bis heute ein zentraler Bezugspunkt der Erinnerung an den Bosnienkrieg und an die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten internationaler Strafjustiz.



