
SNB-Kommunikation: Weshalb ein Referat nicht wie ein Zinsentscheid wirkt
Das Referat von Antoine Martin erklärt, wie die Nationalbank ihren Auftrag vermittelt. Der entscheidende Punkt für Öffentlichkeit und Märkte: Eine Erläuterung des Rahmens ist keine neue geldpolitische Lagebeurteilung.
Die Schweizerische Nationalbank hat den Leitzins am 24. September bei 0 Prozent belassen. Ein Referat von Vizepräsident Antoine Martin an der Universität Neuenburg erklärt nun den geldpolitischen Rahmen. Beides wird leicht verwechselt: Der Zinsentscheid verändert die geldpolitischen Bedingungen unmittelbar; ein Referat erläutert, wie die SNB ihren Auftrag und ihre Instrumente versteht. Wer daraus den nächsten Hypothekarzins oder einen festen Frankenkurs ableitet, liest zu viel in die Worte hinein.
Trotzdem ist die Kommunikation der SNB von Bedeutung. Zentralbanken steuern nicht nur über Beschlüsse, sondern auch über Erwartungen. Wenn Banken, Unternehmen und Haushalte nachvollziehen können, wie die Nationalbank Inflation, Konjunktur und Wechselkurs beurteilt, können sie Entscheidungen besser einordnen. Unklare Kommunikation dagegen kann Unsicherheit und starke Marktbewegungen verstärken.

Ein Referat ist keine vierte Lagebeurteilung
Die SNB trifft ihre vertieften geldpolitischen Lagebeurteilungen viermal pro Jahr: im März, Juni, September und Dezember. Nach jeder Beurteilung steht ein Zinsentscheid; die Nationalbank veröffentlicht dazu eine bedingte Inflationsprognose und erläutert ihren Entscheid. Das Referat vom 7. Oktober kam zwei Wochen nach der jüngsten Lagebeurteilung. Es ist damit kein versteckter Zusatzentscheid und auch keine vorgezogene Botschaft für den nächsten Termin.
Diese zeitliche Einordnung ist der eigenständige Kern des Themas. Märkte hören zwar auf jede Wortmeldung eines Direktoriumsmitglieds. Doch die offizielle Beschlusslogik der SNB bleibt eine andere: Lage analysieren, Prognose unter einer Zinsannahme erstellen, Entscheidung kommunizieren und später eine Zusammenfassung der Diskussion publizieren. Wer diese Ebenen vermischt, erzeugt schnell falsche Erwartungen.
Was die SNB tatsächlich entschieden hat
Die SNB liess den Leitzins im September bei 0 Prozent. Sie begründete den Entscheid damit, dass die Geldpolitik geeignet sei, die Inflation im Bereich der Preisstabilität zu halten und die wirtschaftliche Entwicklung zu stützen. Die bedingte Inflationsprognose lag für 2026 bei 0,7 Prozent, für 2027 bei 0,8 Prozent und für 2028 bei 0,8 Prozent. Diese Prognose setzt voraus, dass der Leitzins über den gesamten Horizont bei 0 Prozent bleibt.
Das Wort «bedingt» ist wichtig. Die Prognose ist kein Versprechen und keine sichere Vorhersage. Sie zeigt, wie die Inflationsentwicklung unter einer klar benannten Annahme aussehen würde. Ändern sich Energiepreise, Weltkonjunktur, Wechselkurs oder Handelspolitik, kann sich auch die Beurteilung der SNB ändern.
Die Nationalbank nannte genau diese Unsicherheiten: Die Lage im Nahen Osten, Energiepreise, Handelsumfeld und Wechselkursentwicklung. Für die Schweizer Wirtschaft erwartet sie weiter moderates Wachstum. Gleichzeitig lag die Kapazitätsauslastung insbesondere in der Industrie unter dem Durchschnitt, und die Arbeitslosigkeit hatte bis zum Frühsommer erneut leicht zugenommen.
Was das für Hypotheken und Sparen heisst
Ein SNB-Leitzins von 0 Prozent bedeutet nicht, dass jede Hypothek sofort billiger wird oder dass Sparzinsen bei null liegen müssen. Hypothekarzinsen hängen neben dem Leitzins von Laufzeit, Refinanzierung, Risikoaufschlägen, Wettbewerb und der gewählten Zinsbindung ab. Eine zehnjährige Festhypothek reagiert oft anders als eine Geldmarkthypothek.
Für Sparerinnen und Sparer gilt das Gleiche in umgekehrter Richtung. Banken entscheiden selbst, welche Zinsen sie auf Konten zahlen. Sinkende oder stabile Leitzinsen können zwar den Spielraum bei Sparzinsen verringern, aber keine einzelne Bank zu einem bestimmten Satz verpflichten. Wer die eigene Finanzierung oder Anlage plant, sollte deshalb Offerten vergleichen und nicht nur auf den nächsten SNB-Termin schauen.
Das ist keine Haarspalterei. Gerade bei hohen Wohnkosten und grossen Hypothekarschulden kann die falsche Erwartung teuer werden. Eine Zentralbank setzt den Rahmen, die konkrete Vertragskondition entsteht im Markt.
Der Franken ist ein Instrument, kein Zielkurs
Die SNB erklärte im September erneut, sie sei bereit, bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv zu werden, um angemessene monetäre Bedingungen sicherzustellen. Das ist keine Zusage, einen bestimmten Frankenwert gegenüber Euro oder Dollar zu verteidigen. Die Nationalbank veröffentlicht keinen Zielkurs.
Der Wechselkurs wirkt auf die Inflation und auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Ein schwächerer Franken kann importierte Güter verteuern, aber Exportfirmen stützen. Ein stärkerer Franken kann umgekehrt die Teuerung dämpfen und Margen im Export belasten. Die SNB bewertet deshalb das Gesamtbild statt eine einzelne Währungsschwelle.
Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Grenzen
Seit September 2025 veröffentlicht die SNB vier Wochen nach ihren Lagebeurteilungen zudem Zusammenfassungen der geldpolitischen Diskussionen. Das schafft keinen Blick in die Zukunft, erhöht aber die Nachvollziehbarkeit der Entscheide. Für die Schweiz ist das wertvoll: In unsicheren Zeiten brauchen Haushalte und Unternehmen keine Scheingenauigkeit. Sie brauchen eine Institution, die ihren Auftrag erklärt, ihre Annahmen offenlegt und bei neuen Fakten handlungsfähig bleibt.
Der jüngste Vortrag ist deshalb vor allem eine Erinnerung an die richtige Reihenfolge: zuerst der gesetzliche Auftrag der Preisstabilität, dann die Analyse der Lage, schliesslich der Zinsentscheid. Wer diese Ebenen trennt, versteht besser, was die SNB für die Schweizer Wirtschaft leisten kann – und was nicht.



