
US-Arbeitsmarkt bis 2035: Was die BLS-Prognose der Schweiz zeigt – und was nicht
Die US-Arbeitsstatistik erwartet bis 2035 mehr Stellen vor allem im Gesundheits- und Sozialbereich. Als Schweizer Vorhersage taugen die Zahlen nicht – als Strukturvergleich schon.
Die aktuelle Langfristprognose des US Bureau of Labor Statistics, kurz BLS, reicht von 2025 bis 2035. Sie wird derzeit teilweise falsch gelesen: Die Zahlenfolge «25-2031» in einer Matrix-URL bezeichnet einen Berufscode für Sekundarlehrpersonen, nicht einen Zeitraum. Das ist mehr als ein technisches Detail. Wer die Datengrundlage falsch datiert, zieht leicht voreilige Schlüsse über Arbeitsmarkttrends.
Nach der BLS-Projektion steigt die Zahl der Arbeitsplätze in den USA von 170,3 auf 176,2 Millionen. Das entspricht einem Plus von rund 5,9 Millionen Stellen oder 3,5 Prozent. Die Behörde erwartet damit ein deutlich schwächeres Wachstum als im vorangegangenen Jahrzehnt. Besonders stark soll der Bereich Gesundheit und soziale Dienstleistungen wachsen: um rund 2,2 Millionen Stellen beziehungsweise 9,5 Prozent. Allein dieser Sektor würde damit 37 Prozent des erwarteten Nettowachstums ausmachen.
Ein Strukturhinweis, keine Stellen-Garantie
Solche Projektionen sind keine Zusage, dass bestimmte Stellen tatsächlich entstehen oder dass jede qualifizierte Person Arbeit findet. Die BLS rechnet mit Annahmen über Wirtschaft, Bevölkerung, Produktion und Nachfrage. Sie betont selbst, dass ihre Zahlen keine Engpassprognose sind und nicht zwischen Vollzeit- und Teilzeitstellen unterscheiden. Die Werte sind deshalb vor allem für die Richtung und die relative Grösse von Veränderungen geeignet, nicht als Punktlandung für einzelne Berufe.
In der Prognose fällt das erwartete Wachstum nicht nur im Gesundheitsbereich auf. Auch wissenschaftliche, technische und digitale Tätigkeiten legen zu. Für Data Scientists weist die BLS eine überdurchschnittliche Wachstumsrate aus. Dagegen erwartet sie Rückgänge in Teilen der Büro- und Verwaltungsberufe. Das sagt nicht, dass Verwaltung verschwindet. Es verweist darauf, dass Automatisierung, Software und neue Arbeitsabläufe die Zahl bestimmter Tätigkeiten stärker verändern können als die Zahl der Beschäftigten insgesamt.
Warum der Vergleich mit der Schweiz begrenzt ist
Für die Schweiz sind diese Ergebnisse ein internationaler Hinweis, aber keine eigene Vorhersage. Die BLS zählt Jobs nach den US-Klassifikationen SOC und NAICS. Schweizer Statistik und Arbeitsmarktpolitik arbeiten mit anderen Definitionen. Hinzu kommt eine andere Beschäftigungsstruktur: Teilzeit ist in der Schweiz weit verbreitet. Der Bundesrat bezifferte die Erwerbsquote der 15- bis 64-Jährigen für 2024 auf 84,1 Prozent; der Teilzeitanteil in dieser Altersgruppe lag bei 36,3 Prozent. Eine US-Stellenzahl lässt sich deshalb nicht schlicht in Schweizer Vollzeitäquivalente übersetzen.
Auch die Demografie unterscheidet sich. Schweizer Bevölkerungsszenarien berücksichtigen die Zuwanderung als wichtigen Faktor für das Arbeitskräfteangebot. In den Referenzannahmen des Bundesamts für Statistik liegt die Nettowanderung bis 2031 bei jährlich 60'000 Personen. Das ist weder eine politische Vorgabe noch eine sichere Zukunft, zeigt aber, wie sehr die Frage nach Fachkräften in der Schweiz mit Migration, Bildung und Erwerbsbeteiligung verknüpft ist.
Was Schweizer Unternehmen daraus mitnehmen können
Die BLS-Zahlen stützen keine These, wonach jede Branche nun möglichst schnell Personal durch KI ersetzen sollte. Sie legen aber nahe, dass Gesundheit, Betreuung und spezialisierte Wissensarbeit langfristig an Gewicht gewinnen. Für Schweizer Betriebe und Bildungsinstitutionen ist das eine Einladung, auf Kompetenzen zu schauen: digitale Werkzeuge, Datenverständnis, Zusammenarbeit zwischen Fachdisziplinen und Berufe, die menschliche Nähe benötigen.
Entscheidend ist die Gegenprobe mit Schweizer Daten. Eine Ausbildungspolitik, die ausschliesslich auf US-Wachstumsraten reagiert, würde an der Realität vorbeiplanen. Sinnvoller ist es, die BLS-Projektion als Vergleichsfolie zu nutzen: Sie macht sichtbar, welche globalen Kräfte wirken könnten. Ob daraus in der Schweiz mehr Stellen, andere Arbeitszeiten oder neue Engpässe entstehen, entscheiden die hiesige Demografie, Produktivität, Einwanderung und Bildungswege.
Was die Prognose bewusst nicht beantwortet
Die BLS nennt keine Gewissheit über Löhne, Qualität der Arbeitsplätze oder regionale Verteilung. Sie beantwortet auch nicht, ob fehlende Fachkräfte, höhere Produktivität oder politische Entscheidungen die einzelnen Branchen stärker prägen werden. Gerade diese offenen Punkte sind für die Schweiz zentral. Ein Arbeitsmarkt kann insgesamt wachsen und trotzdem in Pflege, Informatik oder Bildung Engpässe haben. Wer die Zahlen richtig nutzt, liest sie daher als Ausgangspunkt für Fragen – nicht als fertige Antwort.


