
Deutschlands Gasspeicher verfehlen Ziel – die Schweiz setzt auf Auslandsreserven
Rund 61 Prozent Füllstand liegen unter der Vorgabe. Die Bundesnetzagentur sieht dennoch keine akute Mangellage. Schweizer Versorger haben eine eigene Speicherpflicht.
Deutschland startet mit deutlich weniger gespeichertem Gas als angestrebt in den November. Die europäische Branchenorganisation Gas Infrastructure Europe weist für den 31. Oktober einen Füllstand von 61,17 Prozent aus. Das entspricht 151,31 Terawattstunden. Angestrebt war zum 1. November ein Gesamtwert von ungefähr 70 Prozent. Das deutsche Wirtschaftsministerium hatte die absehbare Verfehlung bereits am Freitag eingeräumt.
Der Abstand beträgt knapp neun Prozentpunkte. Der geringere Füllstand bedeutet einen kleineren Vorratspuffer. Für sich genommen ist er aber noch kein Beleg dafür, dass im Winter Gas fehlt. Die Bundesnetzagentur beurteilt die Versorgung als stabil. In ihrer Lagebewertung vom 30. Oktober schätzt sie die Gefahr einer angespannten Gasversorgung weiterhin als gering ein.
Warum die Vorgabe nicht für alle Speicher gleich ist
Die deutsche Verordnung verlangt zum 1. November grundsätzlich 80 Prozent Füllstand je Anlage. Für sechs namentlich bezeichnete Speicher, darunter Rehden, gelten 45 Prozent. Begründet werden diese Ausnahmen mit geringerer Ein- und Ausspeichergeschwindigkeit sowie der geografischen Lage. Die oft genannte Marke von rund 70 Prozent ist somit ein Gesamtwert aus unterschiedlichen Anlagenvorgaben, keine einheitliche Mindestquote für jeden Standort.
Auch innerhalb Europas ist der Vorrat ungleich verteilt. GIE nennt zum gleichen Datenstand für Frankreich 86,82 Prozent und für Italien 91,05 Prozent. Im EU-Durchschnitt waren es 74,68 Prozent. Solche Werte beschreiben den Anteil an der jeweiligen Speicherkapazität. Sie sagen nicht, welcher Anteil des Verbrauchs eines Landes damit gedeckt werden kann.
Die räumliche Verteilung allein entscheidet ebenfalls nicht darüber, wo gespeichertes Gas später verbraucht wird. Deutschland ist in das europäische Leitungsnetz eingebunden. Für die Versorgung zählt neben der Menge im Speicher, welche Lieferungen laufend eintreffen und wie schnell Gas bei hoher Nachfrage tatsächlich ausgespeichert und transportiert werden kann.
Importe ergänzen die eingelagerten Mengen
Die Bundesnetzagentur meldet für den Zeitraum vom 22. bis 28. Oktober Pipelineimporte von 18,3 Terawattstunden. Über deutsche Terminals für verflüssigtes Erdgas, kurz LNG, kamen weitere 1,1 Terawattstunden hinzu. Diese Terminals waren in dem Zeitraum durchschnittlich zu 28,4 Prozent ausgelastet. Die Behörde verweist deshalb auf das Zusammenspiel von Importen, Speichern, Infrastruktur und Nachfrage.
Zusätzliche Käufe sollen den Vorrat erhöhen. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums wurde das bundeseigene Unternehmen SEFE beauftragt, acht Terawattstunden über zwei Monate zu beschaffen, möglichst ausserhalb der EU. Die Einspeicherung läuft demnach über den 1. November hinaus. Das ändert nichts am verfehlten Stichtagsziel, zeigt aber, dass die Befüllung nicht mit dem Kalenderdatum endet.
Die Behörde erwartet einen vergleichsweise niedrigen Speicherstand am Winterende. Ihre günstige Risikoeinschätzung ist eine aktuelle Bewertung, keine Zusage unabhängig vom Wetter und von möglichen Lieferausfällen. Gasspeicher ersetzen laufende Zuflüsse nicht: Sie ergänzen sie besonders dann, wenn die Nachfrage steigt.

Die Schweiz misst ihre Vorsorge am Jahresverbrauch
Die Schweiz importiert ihr Gas fast vollständig und besitzt keine eigenen saisonalen Speicher. Sie kann sich deshalb nicht allein an einem deutschen Prozentwert orientieren. Die fünf Schweizer Regionalnetzbetreiber müssen in ausländischen Speichern Gas im Umfang von mindestens 15 Prozent des durchschnittlichen schweizerischen Jahresverbrauchs vorhalten.
Seit einer Änderung der Sicherstellungsverordnung gilt dafür 2026 und 2027 ein Zeitfenster vom 1. Oktober bis 1. Dezember. Der Bundesrat beschloss diese Flexibilisierung am 15. April 2026. Sie soll verhindern, dass ein einziger fester Termin die Beschaffung verteuert. Die Verordnung gilt bis zum 30. September 2028.
Die Schweizer 15-Prozent-Vorgabe und der deutsche Füllstand von rund 61 Prozent haben somit unterschiedliche Bezugsgrössen: hier Jahresverbrauch, dort Speicherkapazität. Ein direkter Vergleich würde die Schweizer Vorsorge falsch darstellen. Aus den deutschen Daten lässt sich auch nicht ablesen, welche Mengen einzelnen Schweizer Unternehmen vertraglich zur Verfügung stehen.
Für die nächsten Wochen steht neben den Importmengen der Verbrauch im Vordergrund. In Deutschland folgt bereits am 1. Februar der nächste gesetzliche Speicherstichtag: Dann müssen die meisten Anlagen noch zu 30 Prozent gefüllt sein, die Anlagen Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg zu 40 Prozent.
Quellen
- GIE: Europäische Speicherstände, Datenstand 31. Oktober 2026
- Bundesnetzagentur: Lagebewertung Gasversorgung vom 30. Oktober 2026
- Deutsche Gasspeicherfüllstandsverordnung, geltende Fassung
- Bundesregierung: Pressekonferenz vom 30. Oktober 2026, Gasspeicher und SEFE
- Bundesrat: Schweizer Speicherziel wird zeitlich flexibler, 15. April 2026
- UVEK: Versorgungsvorsorge und fehlende saisonale Gasspeicher
- Bloomberg: Deutschland verfehlt Speicherziel, 1. November 2026
- Titelbild: Axel Hindemith, Gasspeicher Rehden, Wikimedia Commons
- Artikelbild: Loadmaster (David R. Tribble), Gas-Meter-1787, Wikimedia Commons
- Lizenz beider Bilder: CC BY-SA 3.0


