
Abstimmung vom 27. September: Beide Initiativen liegen in der letzten SRG-Umfrage zurück
Neutralitäts- und Ernährungsinitiative verzeichnen klare Nein-Mehrheiten. Doch die Erhebung misst den Stand vom 5. September – und ersetzt keine Prognose.
Kurz vor der eidgenössischen Abstimmung vom 27. September liegen sowohl die Neutralitätsinitiative als auch die Ernährungsinitiative in der letzten veröffentlichten SRG-Trendumfrage klar zurück. Das ist politisch aussagekräftig, aber keine Prognose für den Sonntag: Die Erhebung bildet den Stand vom 5. September ab, rund drei Wochen vor dem Urnengang.
Neutralitätsinitiative: Nein-Lager deutlich vorn
Bei der Neutralitätsinitiative wollten 34 Prozent der Befragten bestimmt oder eher Ja stimmen, 63 Prozent bestimmt oder eher Nein. Gegenüber der ersten Befragungswelle sank der Ja-Anteil um acht Prozentpunkte, während das Nein um neun Punkte zulegte. Nur drei Prozent waren noch unentschieden.
Die Meinungsbildung ist hier weit fortgeschritten. 83 Prozent bezeichneten ihren Entscheid als fest – zehn Punkte mehr als in der ersten Welle. Auch die Bewertung der Argumente weist in dieselbe Richtung: Die befragten Stimmberechtigten stuften die Gegengründe insgesamt deutlich stärker ein als die Argumente der Befürworter.
Ein Umschwung wäre damit politisch anspruchsvoll. Ausgeschlossen ist er nicht: Umfragen erfassen Absichten, keine abgegebenen Stimmen. Brieflich eingereichte Stimmzettel nach dem Erhebungsdatum, die Schlussmobilisierung und unterschiedliche Beteiligung der Lager bleiben ausserhalb der Momentaufnahme.

Ernährungsinitiative verliert Zustimmung
Bei der Ernährungsinitiative ist die Bewegung zwischen den beiden Befragungswellen noch markanter. Anfang August waren Zustimmung und Ablehnung praktisch ausgeglichen. Am 5. September lag das Ja nur noch bei 33 Prozent, das Nein bei 64 Prozent. Der Ja-Anteil verlor 14 Prozentpunkte.
Gleichzeitig war die Meinungsbildung weniger abgeschlossen als bei der Neutralitätsinitiative. 71 Prozent gaben an, fest entschieden zu sein. Das ist zwar eine klare Mehrheit, lässt aber mehr Spielraum als beim zweiten Geschäft. Auffällig ist zudem, dass einzelne Anliegen der Initiative in der Argumentbewertung auf mehr Sympathie stiessen als die Vorlage als Ganzes. Zustimmung zu einem Ziel bedeutet also nicht automatisch Zustimmung zum vorgeschlagenen Verfassungsweg.
Was die Fehlermarge bedeutet
GFS Bern gibt für die Vorlagen bei einem Vertrauensniveau von 95 Prozent eine statistische Unschärfe von rund plus oder minus 2,8 Prozentpunkten an. Selbst wenn man diese Schwankungsbreite zugunsten des Ja-Lagers auslegt, bleibt bei beiden Initiativen ein deutlicher Abstand. Die Unsicherheit der Stichprobe ist deshalb nicht gross genug, um aus den publizierten Werten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu machen.
Diese Fehlermarge deckt jedoch nicht jede mögliche Abweichung ab. Späte Ereignisse, Unterschiede zwischen Befragten und tatsächlich Abstimmenden oder schwer erreichbare Gruppen können das Resultat zusätzlich beeinflussen. Auch die kantonale Verteilung zählt: Für eine Volksinitiative braucht es neben dem Volksmehr das Ständemehr. Eine landesweite Zustimmung allein würde nicht genügen.
Mobilisierung bleibt der offene Faktor
49 Prozent erklärten, bestimmt teilnehmen zu wollen. Das liegt etwas über dem langjährigen Durchschnitt von 47,4 Prozent und fünf Punkte höher als in der ersten Befragungswelle. Eine bekundete Teilnahmeabsicht ist dennoch nicht dasselbe wie die amtlich festgestellte Stimmbeteiligung.
Für die letzten Tage verschiebt sich die politische Aufgabe deshalb. Die Nein-Seiten versuchen, ihren Vorsprung in tatsächliche Stimmen zu übersetzen. Die Initiativkomitees müssen zugleich Unentschlossene überzeugen und bereits wohlwollende Menschen mobilisieren. Bei der Ernährungsinitiative könnte die grössere Offenheit im Entscheid dabei etwas mehr Raum bieten; der zahlenmässige Rückstand bleibt allerdings beträchtlich.
Was sich aus dem Vergleich der Vorlagen lernen lässt
Die beiden Kurven zeigen zudem, wie unterschiedlich Kampagnen wirken können. Bei der Neutralitätsinitiative hat sich ein bereits sichtbarer Nein-Trend verfestigt. Bei der Ernährungsinitiative kippte eine anfangs offene Ausgangslage deutlich. Dafür können Argumente, Absender, Medienereignisse und die wachsende Kenntnis der konkreten Verfassungsänderung eine Rolle spielen. Die Umfrage kann diese Ursachen nicht beweisen; sie misst nur, wie sich die angegebenen Absichten zwischen zwei Zeitpunkten verändert haben.
Keine Vorwegnahme des Abstimmungssonntags
Die letzte SRG-Umfrage zeichnet somit ein konsistentes Bild: Beide Initiativen verloren im Kampagnenverlauf an Unterstützung, und die Nein-Lager führen klar. Sie sagt aber nicht, wie die Schweiz «entscheiden wird». Verbindlich sind erst die ausgezählten Stimmen und Stände am Sonntag.
Der journalistisch saubere Befund lautet deshalb: Die Ausgangslage spricht deutlich gegen beide Vorlagen. Wer daraus bereits ein Resultat macht, verwechselt eine drei Wochen alte Momentaufnahme mit dem demokratischen Entscheid.



