
«Boelo»: 138 km/h am Säntis sind nicht die Bilanz fürs Flachland
MeteoSchweiz erklärt die starken regionalen Unterschiede des Sonntagssturms. In Basel waren Messebereiche zeitweise geschlossen; eine landesweite Schadensbilanz liegt in den geprüften Quellen nicht vor.
Das Sturmtief «Boelo» hat am Sonntag, 25. Oktober 2026, Teile der Schweiz mit starken bis stürmischen Böen erfasst. Der am Montag veröffentlichte Rückblick von MeteoSchweiz nennt 138 Kilometer pro Stunde auf dem Säntis. In den Niederungen der Deutschschweiz lagen die Spitzen dagegen meist zwischen 60 und 80 Kilometern pro Stunde.
Der Unterschied ist für die Einordnung entscheidend. Eine Gipfelmessung beschreibt nicht die Belastung sämtlicher Wohngebiete. Ebenso wenig belegt eine vorsorgliche Sperrung bereits einen Schaden. Bestätigt sind ausgeprägte regionale Unterschiede und zeitweilige Einschränkungen der Basler Herbstmesse. Eine gesamtschweizerische Summe von Schäden oder Einsätzen lässt sich aus den hier geprüften Veröffentlichungen nicht ableiten.
Warum der Wind nicht überall gleichzeitig ankam
«Boelo» zog nördlich an der Schweiz vorbei: Sein Kern führte am Samstag nördlich von Irland und Schottland durch und erreichte am Sonntag die norwegische Küste. Die Schweiz lag im Einfluss seines Frontensystems. Zwischen Warm- und Kaltfront strömte kräftige Luft aus Südwesten bis Westen heran.
Besonders exponiert waren zunächst Berge, der Juranordfuss und leicht erhöhte Lagen. MeteoSchweiz nennt für Standorte wie Rünenberg und Lägern Böenspitzen im Bereich von 90 bis 110 Kilometern pro Stunde. Die Messung in einer solchen Lage ist aber kein Ersatz für den Wert am nächsten Talboden.
Nach der Analyse des Bundesamts erschwerte eine eher stabile Luftschichtung, unterstützt durch zeitweilige Niederschläge, das Heruntermischen des starken Höhenwinds. Mit der Kaltfront erreichte der Wind teilweise auch tiefere Lagen. Hinter ihr beruhigte sich das Wetter rasch. Ein ruhiger Vormittag an einem bestimmten Ort konnte deshalb nicht als Entwarnung für den gesamten Tag gelten.
Ein ungewöhnlicher Föhn gleichzeitig mit Westwind
In den Alpen kam eine besondere Föhnphase hinzu. Üblicherweise verbindet man Föhn mit einer südlichen Höhenströmung und Niederschlägen südlich der Alpen. Am Sonntag war die Strömung in der Höhe dagegen westlich bis nordwestlich; Regen fiel auch auf der Alpennordseite.
Trotzdem bestand zeitweise ein Drucküberschuss von knapp neun Hektopascal im Süden. Er konnte kalte Luft über den Alpenkamm nach Norden treiben. MeteoSchweiz bezeichnet diese Konstellation als seichten Gegenstromföhn oder «Güllerföhn». Kurzzeitig erreichte er den Bodensee. Die stärksten schweizweit gemessenen Böen stammten laut Bundesamt jedoch aus dem Sturmfeld, nicht aus dieser Föhnphase.

Am Alpennordhang kamen laut MeteoSchweiz zudem Niederschlagsmengen um 20 Millimeter zusammen. Auch diese örtliche Grössenordnung ist keine schweizweite Regenmenge.
Was Basel geschlossen hat – und wieder öffnete
Bei der Herbstmesse blieben am Sonntag der Petersplatz, die Rosentalanlage und der Baumhain auf dem Münsterplatz wegen möglicher herabfallender Äste geschlossen. Andere Bereiche blieben zugänglich. Die offizielle Veranstaltungsseite ergänzte später ausdrücklich: Ab 18 Uhr waren die betroffenen Plätze wieder offen.
Die Massnahme darf somit weder als ganztägige Schliessung der gesamten Messe noch als Nachweis tatsächlich gefallener Äste beschrieben werden. Vorsorge wird gerade getroffen, bevor feststeht, ob ein Schaden eintritt. Eine Bilanz darüber, ob die Abwägung angemessen war, müsste lokale Windverhältnisse, Baumbestand und die zum Entscheidungszeitpunkt verfügbaren Prognosen berücksichtigen.
Spitzenwert, Prognose und Schaden getrennt lesen
SRF Meteo hatte im Voraus für die Berge örtlich Böen bis 150 Kilometer pro Stunde erwartet, für das Flachland 50 bis 80. Solche Prognosebereiche sind nicht mit nachträglich gemessenen Stationsmaxima gleichzusetzen. Auch Werte des vorhergehenden Sturms «Austen» vom Freitag gehören nicht nachträglich in die Sonntagsbilanz.
Hinzu kommt der Unterschied zwischen einer kurzen Böe und über längere Zeit gemitteltem Wind. Die bekannte Beaufort-Skala bezieht sich auf mittlere Windgeschwindigkeiten. Ein einzelner Spitzenwert erlaubt deshalb keine pauschale Aussage darüber, wie lange an einem Ort Sturm herrschte oder wie gross dort die Schadengefahr war.
Auf Seen gelten eigene Signale. Die Berner Kantonspolizei unterscheidet orange Warnlichter mit ungefähr 40 beziehungsweise 90 Blitzen pro Minute für Starkwind und Sturm. Diese örtlichen Hinweise sind für Menschen auf dem Wasser relevanter als ein entfernter Gipfelrekord.
Für die nächste Planung zählt der aktuelle Warnstand, nicht allein der Rückblick auf «Boelo». Die Messwerte erklären, weshalb der Sonntag regional sehr unterschiedlich ausfiel. Sie rechtfertigen aber weder eine dramatische landesweite Schadensgeschichte noch die Behauptung, vorsorgliche Einschränkungen seien unnötig gewesen, weil andernorts kaum Wind spürbar war.
Quellen
- MeteoSchweiz: Rückblick auf «Boelo», 26. Oktober 2026
- Basler Herbstmesse: Sperrungen und Wiederöffnung am 25. Oktober
- Kantonspolizei Bern: Bedeutung der Sturmwarnsignale
- Informationsplattform der Gebäudeschutz-Trägerschaft: Sturm und Windmessgrössen
- SRF Meteo: Prognosen zu «Austen» und «Boelo»
- MeteoSchweiz: Nutzungsbedingungen, Quellenangabe und Bildrechte


