
Europa unter Druck: Was die Schweiz aus Sicherheit, Wirtschaft und Kriminalität lernen kann
Europa steht unter sicherheits- und wirtschaftspolitischem Druck. Ein pauschales Krisenbild hilft der Schweiz nicht: Entscheidend sind belastbare Daten und konkrete Vorsorge.
Europa ist weder «am Brennen» noch lässt sich seine Stabilität an einer einzigen Zahl, Regierung oder Schlagzeile messen. Wer Sicherheit, Wirtschaftsleistung, Kriminalität und politische Mehrheiten in einen Topf wirft, übersieht die entscheidenden Unterschiede. Für die Schweiz ist das relevant: Sie ist kein EU-Mitglied, aber mit Europa über Handel, Energie, Verkehr, Datenwege und Finanzmärkte eng verbunden.
Der Vergleich mit vor fünf oder zehn Jahren zeigt trotzdem eine klare Verschiebung. Es gibt keinen Gesamtindex für «die Stabilität Europas». Wohl aber haben sich Risiken verändert. Die richtige Frage lautet deshalb nicht, ob Europa pauschal sicher oder unsicher sei, sondern wo die Belastungen zunehmen – und welche Vorsorge daraus für die Schweiz folgt.
Sicherheit: Der Druck auf Europa ist real
Der Krieg in der Ukraine begann bereits 2014. Mit der grossflächigen russischen Invasion von 2022 erhielt die europäische Sicherheitslage jedoch eine neue Dimension. Die Sicherheitspolitische Strategie der Schweiz 2026 nennt den Krieg gegen die Ukraine, hybride Bedrohungen und kritische Abhängigkeiten ausdrücklich als Herausforderungen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.
Dazu gehören Cyberangriffe, Spionage, Sabotage und Desinformation. Solche Risiken sind nicht neu. Neu ist ihre Bedeutung im heutigen sicherheitspolitischen Umfeld und die starke Vernetzung kritischer Infrastrukturen. Für die Schweiz bedeutet das: Ein Vorfall muss nicht an ihrer Grenze beginnen, um Folgen zu haben. Störungen bei Energie, Logistik, Zahlungsverkehr oder digitalen Diensten können sich grenzüberschreitend auswirken.
Die Schweizer Antwort muss deshalb konkret sein: widerstandsfähige Infrastruktur, verlässliche Krisenkommunikation, Cyberabwehr und eine gute Zusammenarbeit von Bund, Kantonen, Gemeinden und Unternehmen. Alarmismus hilft dabei nicht. Nötig ist eine Lagebeurteilung, die reale Risiken weder verharmlost noch überzeichnet.
Wirtschaft: Schwaches Wachstum ist kein Zusammenbruch
Auch wirtschaftlich ist das Bild differenziert. Die Europäische Kommission rechnet für 2026 mit einem Wachstum von 1,1 Prozent in der EU. Energiepreise, geopolitische Unsicherheit und handelspolitische Konflikte bremsen die Entwicklung. Gleichzeitig erwartet sie eine Arbeitslosenquote von 6,0 Prozent. Das spricht für eine schwache Konjunktur, aber nicht für einen europaweiten wirtschaftlichen Kollaps.
Prognosen bleiben Annahmen, keine Tatsachen. Sie können sich mit Energiepreisen, Kriegen, Zöllen oder Finanzmarktturbulenzen verändern. Für exportorientierte Schweizer Firmen zählen deshalb nicht nur einzelne Schlagzeilen aus Deutschland, Frankreich oder Spanien, sondern Nachfrage, Wechselkurse, Lieferketten und Investitionsentscheide in vielen Märkten.
Das SECO erwartet für die Schweiz 2026 ein Wachstum von 1,7 Prozent, nennt aber den Iran-Konflikt, hohe Energiepreise und die handelspolitische Unsicherheit als erhebliche Risiken. Für Herr und Frau Schweizer kann sich das über Arbeitsplätze, Preise, Hypothekarzinsen oder die Erträge der Vorsorge bemerkbar machen. Vorsorge heisst daher auch, öffentliche Finanzen, Energieversorgung und den Zugang zu internationalen Märkten belastbar zu halten.
Kriminalität: Die Daten zeigen kein einheitliches Bild
Der Satz, die Kriminalität steige «in Europa», ist statistisch zu grob. Eurostat weist für 2024 bei polizeilich registrierten Vermögensdelikten in der EU Rückgänge aus: Diebstähle gingen gegenüber dem Vorjahr um 2,0 Prozent zurück, Raub um 4,0 Prozent und Einbrüche um 2,6 Prozent. Gleichzeitig stiegen registrierte Sexualdelikte weiter, und die Zahl vorsätzlicher Tötungen nahm um 1,4 Prozent zu.
Solche Zahlen verlangen Vorsicht. Gesetze, Anzeigeverhalten und Polizeierfassung unterscheiden sich von Land zu Land. Ein Anstieg registrierter Sexualdelikte kann auch mit veränderten Straftatbeständen, besserer Erfassung oder einer höheren Anzeigequote zusammenhängen. Trotzdem bleiben die Opfer und ihre Schutzbedürfnisse real.
In der Schweiz sank die Zahl der nach Strafgesetzbuch registrierten Straftaten 2025 um 1,5 Prozent auf 554'963. Gleichzeitig nahmen schwere Gewaltstraftaten um 8,1 Prozent zu. Von 55 vollendeten Tötungsdelikten geschahen laut Bundesamt für Statistik 61,8 Prozent im häuslichen Bereich. Die Konsequenz ist klar: Weniger Vermögensdelikte dürfen nicht dazu führen, Gewaltprävention, Opferschutz und Intervention bei häuslicher Gewalt weniger ernst zu nehmen.

Was die Schweiz lernen kann
Die Schweizer Debatte gewinnt, wenn sie Sicherheit, Wirtschaft und Kriminalität getrennt beurteilt. Europa steht unter realem Druck. Daraus folgt aber weder, dass politische Parteien oder einzelne Regierungen automatisch ein Stabilitätsrisiko darstellen, noch dass jedes Problem dieselbe Ursache hat.
Für die Schweiz ist Resilienz der bessere Massstab als Untergangsrhetorik: kritische Infrastruktur schützen, wirtschaftliche Abhängigkeiten kennen, Gewalt präzise bekämpfen und demokratische Institutionen stärken. Das ist weniger spektakulär als eine Krisendiagnose – aber im Alltag von Haushalten, Unternehmen und Behörden wirksamer.


