
Was der neue Bundesbericht zu Schengen/Dublin tatsächlich beziffert
Der Bundesrat warnt in einem Szenario für 2035 vor den Kosten eines Wegfalls der Schengen-/Dublin-Assoziierung. Die Zahlen beschreiben mögliche Folgen, keine Vorhersage.

Am Ende steht keine Abstimmung, kein Austrittsbeschluss und kein konkreter Fahrplan. Trotzdem hat der Bundesrat am 18. September einen Bericht verabschiedet, der ungewöhnlich deutlich vor den Kosten eines Wegfalls der Schengen-/Dublin-Assoziierung warnt. Das Papier beantwortet ein Postulat des Nationalrats und fragt: Was wäre, wenn die Schweiz 2035 nicht mehr Teil dieser Zusammenarbeit wäre?
Die Antwort besteht aus Bandbreiten. Laut Bericht könnte das Bruttoinlandprodukt im Jahr 2035 im Vergleich zu einem Szenario mit Schengen/Dublin um bis zu 3,9 Prozent tiefer liegen. Der jährliche Einkommensverlust könnte bis zu 1300 Franken pro Kopf erreichen. Beide Werte sind nicht als Prognose für die aktuelle Wirtschaft zu lesen. Sie hängen davon ab, wie die EU und die Nachbarstaaten auf einen solchen Schritt reagieren würden und wie aufwendig Grenzkontrollen, Datenbanken und Ersatzlösungen ausfielen.
Warum der Verkehr an der Grenze zentral ist
Der Bericht stützt sich für die wirtschaftlichen Folgen auf eine aktualisierte externe Studie. Ohne die Assoziierung würde die Schweizer Grenze nach EU-Recht zur Schengen-Aussengrenze. Nachbarstaaten müssten Ein- und Ausreisen kontrollieren; auch die Schweiz müsste Infrastruktur und Personal aufbauen.
Besonders sichtbar wären die Folgen im Pendlerverkehr. Die Studie rechnet für 2035 mit bis zu 422’000 Stunden, welche Grenzgängerinnen und Grenzgänger pro Werktag im Stau verlieren könnten. Die daraus entstehenden Stauzeitkosten beziffert sie auf 1,08 bis 2,27 Milliarden Franken. Im gleichen Szenario könnte die Zahl der Grenzgängerinnen und Grenzgänger um bis zu 60 Prozent sinken. Der Bundesrat nennt Gastronomie und Pflege als besonders betroffene Bereiche.
Das Wort «bis zu» ist hier entscheidend. Wie viel Wartezeit tatsächlich entstünde, hängt laut Bericht unter anderem davon ab, wie viel Personal die Nachbarstaaten für Kontrollen einsetzten. Die Zahlen zeigen daher eine mögliche Belastung in einem modellierten Szenario. Sie belegen nicht, dass der heutige Grenzverkehr schon in dieser Form bedroht wäre.
Tourismus und Asyl als weitere Kostenblöcke
Auch visumspflichtige Reisende wären betroffen. Heute können sie mit einem Schengen-Visum mehrere Staaten bereisen. Für eine Schweiz ausserhalb von Schengen wäre ein separates Schweizer Visum mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Die Studie geht für 2035 von Mindererträgen im Tourismus zwischen 320 und 810 Millionen Franken jährlich aus.
Im Asylbereich verweist der Bericht auf das Dublin-System. Dieses ermöglicht Überstellungen in einen anderen Dublin-Staat, wenn dort bereits ein Gesuch gestellt wurde. Ohne diese Möglichkeit müssten Schweizer Behörden laut Studie mit Mehrkosten zwischen 166 und 824 Millionen Franken rechnen. Auch hier handelt es sich um eine Bandbreite, die von künftigen Migrationsbewegungen und der Zusammenarbeit mit anderen Staaten abhängt.
Sicherheit lässt sich nicht in Franken fassen
Beim Sicherheitsnutzen verzichtet der Bundesrat auf eine Gesamtsumme. Das Schengener Informationssystem, kurz SIS, liefert Schweizer Behörden Hinweise zu gesuchten Personen, Einreiseverboten oder gestohlenen Objekten. 2025 gab es laut Bericht knapp 40’000 für die Schweiz relevante Treffer.
Der Bericht leitet daraus nicht ab, dass jeder Treffer eine konkrete Gefahr verhindert hätte. Er hält aber fest, dass eigene Datenbanken und nationale Ersatzinstrumente die europäische Zusammenarbeit nicht vollständig ersetzen könnten. Diese Unterscheidung ist wichtig: Der wirtschaftliche Teil rechnet mit Modellen, der Sicherheitsnutzen bleibt teilweise qualitativ.
Ein Bericht, keine Entscheidung
Die Veröffentlichung ist deshalb vor allem eine Einordnung der bestehenden Abkommen. Der Bundesrat argumentiert, dass deren Nutzen über offene Grenzen hinausgeht. Für Leserinnen und Leser sind die Zahlen am aussagekräftigsten, wenn sie als Szenarien verstanden werden: Sie zeigen, welche Bereiche bei einem Systemwechsel besonders anfällig wären – Grenzverkehr, Arbeitsmarkt, Tourismus, Asyl und Polizeikooperation.
Ob die angenommenen Auswirkungen tatsächlich eintreten würden, kann der Bericht naturgemäss nicht beweisen. Dafür gibt er offen an, worauf die Berechnungen beruhen und wo die Unsicherheit liegt. Genau das macht ihn politisch relevant: Nicht weil er die Zukunft vorhersagt, sondern weil er die Kosten einer Alternative sichtbar macht.



