
Hohe Dieselpreise: Warum ein Tankrabatt das Versorgungsproblem nicht löst
Die Forderung nach einer Entlastung an der Zapfsäule trifft auf Widerstand von links. Die aktuellen Zahlen zeigen: Neben dem Preis beschäftigt die Schweiz auch die Verwundbarkeit ihrer Versorgung.

An der Zapfsäule ist die Debatte schnell erzählt: Steigen die Preise, wächst der Ruf nach einer Senkung. In der Schweiz fordert die SVP einen Tankrabatt; die Linksparteien lehnen ihn ab. Dahinter steht jedoch mehr als ein Streit über einige Rappen pro Liter. Er betrifft die Wahl zwischen einer breit verteilten Subvention und einer gezielten sozialen Entlastung – und er trifft auf eine Versorgungslage, die sich nicht wegsubventionieren lässt.
Die Daten des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit verdeutlichen die Belastung. In der Basler Grenzzone lag der durchschnittliche Dieselpreis im Januar 2026 bei 157,48 Rappen pro Liter. Im September waren es 206,10 Rappen. Das sind keine landesweiten amtlichen Durchschnittspreise, sondern Vergleichswerte an einem wichtigen Grenzstandort. Sie zeigen aber die Richtung: Der Preisschub war deutlich und betraf die Mobilität von Haushalten ebenso wie die Kosten vieler Unternehmen.
Eine Subvention nach Literverbrauch
Ein Tankrabatt wirkt einfach. Der Staat reduziert über Steuern, Abgaben oder eine direkte Kompensation den Preis pro Liter. Wer tankt, spart sofort. Das ist kommunikativ attraktiv, weil der Effekt an der Zapfsäule sichtbar wird.
Gerade diese Einfachheit ist das Verteilungsproblem. Wer viel fährt oder einen grossen Verbrauch hat, profitiert absolut stärker. Das kann Pendlerinnen und Pendler im ländlichen Raum entlasten, aber ebenso Haushalte mit mehreren Fahrzeugen und Unternehmen, die den Rabatt allenfalls an ihre Kundschaft weitergeben oder auch nicht. Ein Tankrabatt unterscheidet nicht danach, wie stark eine Person finanziell belastet ist.
Die Linke verweist deshalb auf zielgerichtetere Instrumente. Denkbar sind Anpassungen bei Prämienverbilligungen, Ergänzungsleistungen oder einkommensabhängigen Transfers. Solche Massnahmen sind administrativ weniger unmittelbar, erreichen aber eher jene Haushalte, bei denen die Preissteigerung am stärksten ins Budget schlägt. Die Gegenposition der SVP lautet, dass Mobilität keine Luxusfrage sei und eine breite Entlastung rasch erfolgen müsse.
Preis und Verfügbarkeit sind zwei verschiedene Fragen
Die jüngste Entwicklung zeigt zudem, warum der politische Fokus auf den Preis zu kurz greifen kann. Mitte September wurde die Versorgung durch zwei Faktoren belastet: Die Raffinerie Cressier, die einzige Erdölraffinerie der Schweiz, war wegen eines technischen Problems rund zwei Wochen ausser Betrieb. Gleichzeitig behinderte anhaltendes Niedrigwasser auf dem Rhein die Schifffahrt.
Der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung bewilligte vom 8. bis 20. September die Freigabe von bis zu je 30’000 Kubikmetern Diesel und Benzin aus Pflichtlagern. Laut Bund entsprach dies bei beiden Produkten weniger als drei Prozent der Pflichtlager. Nachdem Cressier den Betrieb wieder aufgenommen hatte, waren weitere Bezüge nicht nötig. Die Versorgung sei sichergestellt, bleibe aber wegen der eingeschränkten Transportkapazitäten angespannt.
Das ist kein Argument gegen soziale Entlastung. Es zeigt aber, dass eine Preismassnahme kein Ersatz für Versorgungssicherheit ist. Wenn Transporte auf dem Rhein ausfallen und die Raffineriekapazität unterbrochen ist, bleiben Logistik, Lagerhaltung und Ausweichrouten die entscheidenden Hebel. Ein Rabatt kann die Nachfrage sogar zusätzlich stützen, während das Angebot kurzfristig begrenzt ist.
Die unbequeme Abwägung
Eine Regierung muss in einer solchen Lage drei Ziele gegeneinander abwägen: Kaufkraft schützen, Versorgung stabil halten und den Verbrauch nicht unnötig anheizen. Eine universelle Preissenkung erfüllt das erste Ziel rasch, trifft die anderen aber nicht automatisch. Sie kostet öffentliche Mittel und kann gerade bei knappen Produkten Fehlanreize setzen.
Ein vorschneller Schluss wäre allerdings ebenso falsch: Wer Tankrabatte ablehnt, darf die Mehrbelastung von Haushalten und Transportbetrieben nicht kleinreden. Die offizielle Preisreihe belegt, dass sie real ist. Die sachliche Frage lautet daher, ob die Schweiz die Kosten möglichst sichtbar oder möglichst treffsicher abfedern will.
Die Entscheidung über einen Tankrabatt ist damit auch eine Entscheidung über Prioritäten. Die Zapfsäule ist der Ort, an dem der Druck sichtbar wird. Gelöst wird die strukturelle Verwundbarkeit aber dort, wo Treibstoff importiert, gelagert und transportiert wird.
Quellen BAZG: Monatliche Treibstoffpreise in Grenzzonen: bazg.admin.ch/dam/de/sd-web/MKCfL0PCzPt5/Jahrestabelle%20T%… Bund: Mineralölversorgung nach Freigabe von Pflichtlagern: https://www.bwo.admin.ch/de/newnsb/B9PaqlJnD0-G Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung: https://www.bwl.admin.ch/bwl/de/home.html NZZ: Debatte über Tankrabatte: nzz.ch/wirtschaft/ein-tankrabatt-zur-sozialen-abfederung-ko…


