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Eine Frau liest allein am Fenster einer Wohnung.
Alleinsein kann selbst gewählt und erholsam sein. KI-generiertes Symbolbild. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild
GesundheitAnalyse21:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Ein Sonntag allein ist noch kein einsamer Sonntag

Die Schweiz misst Einsamkeitsgefühle. Doch weder die Wohnform noch ein leerer Terminkalender verraten, ob jemand unter fehlender Nähe leidet.

Am Sonntag allein zu frühstücken, kann ein Genuss sein. Es kann auch der Beginn eines langen Tages werden, an dem ein Gespräch fehlt. Von aussen sehen beide Situationen ähnlich aus. Für die betroffene Person liegen sie weit auseinander. Genau diese Unterscheidung geht verloren, wenn Alleinleben, wenige Kontakte und Einsamkeit zu einem einzigen Problem erklärt werden.

Einsamkeit beschreibt ein Erleben. Es kommt darauf an, ob die vorhandenen Beziehungen den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Ein voller Kalender kann darüber hinwegtäuschen, dass Vertrauen und Nähe fehlen. Umgekehrt muss ein bewusst zurückgezogener Sonntag keinen Mangel bedeuten. Wer nach einer anstrengenden Woche Ruhe sucht, braucht deshalb nicht automatisch ein zusätzliches Freizeitprogramm.

Was die Schweizer Zahl aussagt

In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 berichteten sechs Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren von häufigen Einsamkeitsgefühlen. 2017 waren es fünf Prozent gewesen. Die Erhebung fragt nach einem subjektiven Empfinden. Sie zählt weder sämtliche alleinlebenden Personen noch alle Menschen, die sich irgendwann einmal einsam fühlen.

Diese Abgrenzung ist wesentlich. Aus sechs Prozent lässt sich nicht folgern, die übrige Bevölkerung kenne Einsamkeit überhaupt nicht. Ebenso wenig beschreibt eine nationale Befragung, wie sich eine einzelne Person an einem bestimmten Sonntag fühlt. Die Daten machen eine Belastung sichtbar; für die Beurteilung eines konkreten Menschen ersetzen sie das Gespräch nicht.

Auch die Jahreszahl gehört zur Aussage. Die genannten Werte stammen aus 2022 und sind keine Momentaufnahme des Septembers 2026. Ein vermeintlich aktueller Zustand lässt sich nicht dadurch herstellen, dass man das Erhebungsjahr weglässt.

Zwei Erwachsene unterhalten sich auf einer Parkbank.
Die Qualität von Beziehungen lässt sich nicht an der Zahl der Kontakte ablesen. KI-generiertes Symbolbild. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Warum mehr Gesellschaft nicht immer genügt

Das Berner Forschungsprojekt SOLUS setzt bei Einsamkeit an und macht auf seiner Informationsseite deutlich: Auch Menschen mit vielen Kontakten können sich einsam fühlen. Untersucht wird unter anderem, wie internetgestützte Selbsthilfe im Alltag unterstützen kann. Das aktuelle Angebot umfasst ein zehnwöchiges Programm für Erwachsene in deutscher Sprache.

Das ist ein Forschungs- und Unterstützungsansatz, kein Beweis dafür, dass ein Onlineprogramm für jede Person die passende Antwort wäre. Die Teilnahmebedingungen, der persönliche Bedarf und die Grenzen eines solchen Angebots bleiben wichtig. Aus der Existenz des Projekts lässt sich auch keine Erfolgsgarantie ableiten.

Die Konsequenz für den Alltag ist dennoch aufschlussreich: Wer helfen möchte, sollte nicht nur Termine anbieten, sondern zuerst verstehen, was fehlt. Geht es um eine vertraute Person, um Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder um jemanden, mit dem schwierige Gedanken besprochen werden können? Ein Vereinsabend kann eine Gelegenheit sein. Er erfüllt aber nicht zwangsläufig dasselbe Bedürfnis wie ein vertrauliches Gespräch.

Hinter derselben Bezeichnung stehen verschiedene Erfahrungen

Wie unterschiedlich Einsamkeit erlebt wird, beschäftigt auch die Medizinethik. Die Universität Basel stellte 2026 die qualitative Forschung der Doktorandin Annika Rohrmoser vor. Ihr Zugang richtet den Blick auf Erfahrungen und Deutungen betroffener Menschen. Solche Interviews liefern keine neue nationale Häufigkeitszahl. Ihr Wert liegt darin, Unterschiede sichtbar zu machen, die in einem einzigen Prozentwert verschwinden.

Für Angehörige und Bekannte spricht das gegen schnelle Zuschreibungen. Die alleinlebende Nachbarin muss nicht einsam sein. Der gesellige Kollege kann es trotzdem sein. Eine respektvolle Nachfrage ist aussagekräftiger als eine Diagnose anhand des Wohnzimmers oder der Zahl an Einladungen.

Dabei darf das Gegenargument nicht fehlen: Beziehungen brauchen Gelegenheiten. Die Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Alleinsein macht erreichbare Treffpunkte, Vereine oder unkomplizierte Besuche keineswegs unwichtig. Sie zeigt vielmehr, weshalb ein Angebot offen sein sollte, ohne den Menschen vorzuschreiben, wie viel Gesellschaft für sie richtig ist.

Nähe lässt sich nicht verordnen

Für einen Sonntag bedeutet das keine neue Pflicht zur Selbstoptimierung. Wer Ruhe geniesst, muss sich nicht für einen freien Nachmittag rechtfertigen. Wer sich Nähe wünscht, verdient mehr als den Hinweis, einfach häufiger auszugehen. Beide Bedürfnisse können sich im Lauf des Lebens verändern.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Verabredungen auf dem Kalender stehen. Sondern ob die Beziehungen tragen, die jemand braucht. Das lässt sich mit einer Statistik nicht vollständig beantworten – aber mit Aufmerksamkeit eher erkennen als mit vorschnellen Ratschlägen.

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