
Bettag ohne Bekenntnis: Was ein alter Feiertag einer säkularen Schweiz sagt
Am Sonntag ist Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag. Seine Geschichte führt zu einer aktuellen Frage: Was verbindet Menschen ohne gemeinsamen Glauben?
Manche besuchen einen Gottesdienst, andere bemerken den Anlass vor allem im Kalender. Am 20. September 2026 begeht die Schweiz den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Schon der Name klingt nach einer Welt, in der Religion und öffentliche Ordnung enger verbunden waren. Gerade deshalb lohnt am Samstag davor ein Blick auf die politische Idee hinter dem Feiertag.
Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Beten. Sie erzählt auch von dem Versuch, eine geteilte Gesellschaft an einem gemeinsamen Datum zusammenzubringen. Diese Aufgabe ist nicht verschwunden. Verändert haben sich die Menschen, ihre religiösen Bindungen und die Erwartungen an einen Staat, der niemandem ein Bekenntnis vorschreiben soll.
Ein gemeinsamer Termin gegen die Trennung
Nach dem Historischen Lexikon der Schweiz beschloss die Tagsatzung am 1. August 1832, den Bettag gemeinsam am dritten Sonntag im September abzuhalten. Vorausgegangen war ein Aargauer Vorstoss. Bettage selbst gab es schon wesentlich früher; neu war die Verständigung über den gemeinsamen Termin. Die zeitliche Gemeinsamkeit war damit ein politischer Schritt in einer konfessionell getrennten Eidgenossenschaft.
Der Rechtswissenschaftler Andreas Kley ordnet die Entwicklung in den historischen Kontext der staatlichen Einigung ein. Der Aargauer Ansatz von 1831 suchte eine verbindende Ebene zwischen den christlichen Konfessionen. Das war nicht dasselbe wie heutige weltanschauliche Neutralität. Wer die damalige Lösung würdigt, sollte deshalb ihre Grenzen mitdenken: Sie entstand aus einer anderen religiösen und politischen Ordnung.
Diese Unterscheidung schützt vor zwei einfachen Erzählungen. Der Bettag war nicht bloss eine private Angelegenheit der Kirchen. Er war aber auch nicht von Anfang an ein vollständig säkularer Feiertag für jede mögliche Weltanschauung. Seine politische Bedeutung lag gerade darin, vorhandene religiöse Bindungen für Gemeinsamkeit nutzbar zu machen.

Die grösste Gruppe hat keine Konfession
Die Gegenwart stellt die Frage anders. Die auf BFS-Daten beruhende Religionsstatistik für 2024 weist schweizweit 36,8 Prozent Konfessionslose aus. Die Angabe bezieht sich auf die Bevölkerung ab 15 Jahren. Seit 2022 bildet diese Gruppe die grösste Kategorie; für 2024 folgen die römisch-katholische Bevölkerung mit 30 Prozent und die evangelisch-reformierte mit 18,7 Prozent.
«Grösste Gruppe» bedeutet nicht «absolute Mehrheit». Ebenso wenig sagt die fehlende Konfessionszugehörigkeit automatisch etwas über Spiritualität, moralische Überzeugungen oder die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement aus. Die Statistik misst Zugehörigkeit. Sie beschreibt kein einheitliches Lager, das sich aus denselben Gründen von Religion abgewandt hätte oder dieselben politischen Forderungen verträte.
Damit wird die historische Gemeinsamkeitsidee anspruchsvoller. Ein christlicher Rahmen erreicht nicht mehr selbstverständlich alle. Umgekehrt verliert eine Tradition nicht allein deshalb jeden öffentlichen Wert, weil weniger Menschen ihre religiösen Voraussetzungen teilen. Entscheidend ist, wie offen ihre heutige Bedeutung formuliert wird und ob Nichtgläubige als gleichberechtigte Teilnehmende mitgedacht werden.
Was die Kirchen heute daraus machen
Die Zürcher reformierte Kirche stellt in ihrer Bettagsbotschaft 2026 gesellschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt und greift dabei auf Heinrich Bullinger zurück. Das ist eine kirchliche Deutung des Anlasses. Sie zeigt, wie eine Institution ihre Tradition in die Gegenwart übersetzt; sie ist keine amtliche Definition dessen, was alle Menschen an diesem Tag zu denken haben.
Auch eine solche Botschaft lässt sich unabhängig vom persönlichen Glauben diskutieren. Wo tragen Menschen Verantwortung füreinander? Welche gemeinsamen Einrichtungen halten eine Gesellschaft zusammen? Und wer bleibt ausgeschlossen, wenn öffentliche Rituale nur die Gewohnheiten einer bestimmten Gruppe abbilden? Das sind redaktionell abgeleitete Fragen, keine Ergebnisse der Religionsstatistik.
Gemeinsamkeit braucht keine Gleichförmigkeit
Für einen säkularen Umgang mit dem Bettag muss seine Herkunft nicht unsichtbar werden. Geschichtliche Genauigkeit wäre eher ein Vorteil: Der gemeinsame Termin entstand, weil Trennungen real waren. Er setzte nicht voraus, dass sie sich mit einem Beschluss auflösten. Darin liegt ein Gedanke, der sich auch jenseits der damaligen Konfessionsordnung verstehen lässt.
Ob daraus heute ein Gottesdienst, ein Gespräch über Zusammenhalt oder einfach ein freier Sonntag wird, bleibt offen. Der gesellschaftliche Wert des Anlasses liesse sich daran messen, ob er Raum für diese Unterschiede lässt. Eine vielfältigere Schweiz benötigt keine erfundene religiöse Einigkeit. Sie braucht Wege, bei verschiedenen Überzeugungen gemeinsame Verantwortung zu übernehmen.
Quellen
Historisches Lexikon der Schweiz: Bettag · Andreas Kley, Universität Zürich: historischer Kontext · Amt für Statistik Freiburg: Religionsdaten des BFS · Reformierte Kirche Zürich: Bettagsbotschaft 2026


