CO₂-Rechner des Bundes: Was die Gebäudeschätzung wirklich zeigt
Das neue Onlinewerkzeug berechnet direkte Emissionen von Wohngebäuden unter Normbedingungen. Es nutzt Registerdaten – und ersetzt weder Verbrauchsabrechnung noch GEAK.

Seit Mai 2026 lässt sich für jedes Schweizer Wohngebäude ein geschätzter CO₂-Wert abrufen. Der interaktive Rechner des Bundes greift auf den eidgenössischen Gebäudeidentifikator EGID zurück und zeigt, wie hoch die direkten Emissionen für Heizung und Warmwasser unter Normbedingungen ausfallen könnten.
Das Werkzeug wirkt auf den ersten Blick präzise. Es liefert Werte pro Quadratmeter beheizter Fläche und erlaubt, Sanierungen oder einen Wechsel des Energieträgers zu simulieren. Der Bund warnt jedoch selbst vor einer Überinterpretation: Die Resultate sind grobe Einschätzungen, keine amtlichen oder verbindlichen Angaben.
Was in die Berechnung einfliesst
Grundlage sind öffentliche Angaben aus dem eidgenössischen Gebäude- und Wohnungsregister (GWR). Berücksichtigt werden unter anderem Nutzung, beheizte Fläche, Baujahr, Geschosszahl, Heizsystem sowie Höhen- und topografische Lage. Die Berechnung orientiert sich an der SIA-Norm 380/1.
Damit modelliert der Rechner einen normierten Heizwärme- und Warmwasserbedarf. Er misst nicht, wie viel Öl, Gas oder Strom die Bewohnerinnen und Bewohner tatsächlich verbrauchen. Raumtemperatur, Belegung, Lüftungsverhalten, Witterung und der technische Zustand der Heizung können die reale Bilanz verändern.
Auch die Datenbasis hat Grenzen. Das GWR wird laufend aktualisiert, enthält nach Angaben des Bundes aber nicht überall aktuelle Heizungsdaten und keine vollständigen Informationen zu Gebäudesanierungen. Eine erneuerte Fassade oder neue Fenster können deshalb fehlen. Nutzende dürfen Sanierungsangaben für die Simulation ergänzen; diese Eingaben werden nicht im Register gespeichert.

Null ist nicht emissionsfrei
Besonders erklärungsbedürftig ist die Systemgrenze. Gebäude mit erneuerbarer Heizung erhalten im Rechner für die direkten CO₂-Emissionen den Wert null. Dasselbe gilt derzeit für Fernwärme. Das bedeutet nicht, dass Bau, Stromerzeugung oder Wärmenetz keine Emissionen verursachen.
Der Rechner betrachtet analog zum nationalen Treibhausgasinventar nur direkte Emissionen am Gebäude, sogenanntes Scope 1. Elektrizität und ihre Herstellung (Scope 2) sowie graue Emissionen aus Baumaterialien, Bau und Lieferketten (Scope 3) bleiben ausserhalb. Ein Wert von null beschreibt daher die gewählte Bilanzgrenze, nicht vollständige Klimaneutralität.
Diese Abgrenzung macht den Rechner für eine bestimmte Frage nützlich: Wie verändert sich der direkte Gebäudeausstoss, wenn eine fossile Heizung ersetzt oder die Gebäudehülle verbessert wird? Für einen umfassenden Klimavergleich verschiedener Systeme reicht der Wert allein nicht.
Kein Ersatz für Rechnung oder GEAK
Wer wissen will, wie viel Energie ein Haus tatsächlich benötigt, braucht Verbrauchsdaten. Wer eine vertiefte energetische Beurteilung und Sanierungsplanung benötigt, kann einen Gebäudeenergieausweis der Kantone (GEAK) erstellen lassen. Dieser betrachtet das einzelne Gebäude genauer und ist in manchen Kantonen bei Handänderungen oder Fördergesuchen vorgeschrieben.
Der Online-Rechner ist dagegen ein niederschwelliger Orientierungspunkt. Er kann Eigentümerinnen und Eigentümern zeigen, wie stark Energieträger und Sanierungsstand den normierten Wert beeinflussen. Für Kaufentscheide, Mietstreitigkeiten oder Förderzusagen sollte er nicht als alleiniger Nachweis dienen.
Gebäudewert und Landesbilanz sind verschieden
Der verlinkte EGID-Wert ist keine neue Schätzung der gesamten Schweizer Emissionen. Das nationale Treibhausgasinventar des BAFU bilanziert alle Sektoren nach internationalen Vorgaben. Der Bund beziffert den Anteil des Gebäudeparks an den inländischen CO₂-Emissionen auf rund 22 Prozent. Für die Klimapolitik ist der Bereich deshalb bedeutend; bis 2050 sollen Gebäude gemäss langfristiger Klimastrategie keine direkten CO₂-Emissionen mehr ausstossen.
Der Rechner kann Transparenz schaffen und veraltete Registereinträge sichtbar machen. Seine grösste Stärke liegt aber gerade nicht in scheinbarer Exaktheit. Er macht Annahmen überprüfbar. Wer den Wert liest, sollte deshalb immer drei Fragen stellen: Sind die Gebäudedaten aktuell, welche Emissionen werden einbezogen und handelt es sich um Normbedarf oder gemessenen Verbrauch?



