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Muschelschalen, Schalenpulver und Betonwürfel im Labor als Symbolbild für Baustoffforschung
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WissenschaftRecherche07:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Muschelschalen als Baustoff: Was das Projekt aus Bari kann – und was offen ist

Ein EU-Projekt testet Mischungen aus Schalenpulver und Hafensedimenten. Für die Schweiz liegt der Erkenntniswert weniger im Hype als in den Anforderungen an Sicherheit, Kreislaufwirtschaft und Zulassung.

Muschelschalen als Baustoff klingen nach einer schnellen Antwort auf ein grosses Klimaproblem. Die Forschung in der süditalienischen Hafenstadt Bari ist jedoch präziser – und für die Schweiz interessanter – als die griffige Schlagzeile. Dort entsteht nicht einfach ein fertiger «Zement aus Muscheln». Ein europäisches Projekt erprobt, wie sich zwei schwierige Stoffströme gemeinsam nutzen lassen: Muschelschalen aus der Aquakultur und Sedimente aus Hafenbaggerungen.

Der Unterschied ist entscheidend. Es geht um Mischungen in der Entwicklungs- und Demonstrationsphase, nicht um einen bereits allgemein zugelassenen Ersatz für herkömmlichen Zement oder Beton.

Muschelschalen, Schalenpulver und Betonwürfel im Labor als Symbolbild für Baustoffforschung
Symbolbild: Das Projekt in Bari testet Prototypen, keine marktreife Universallösung. · KI-generiertes Symbolbild · JournalPlus

Zwei Stoffströme, eine Materialfrage

Das Projekt heisst GREENLIFE4SEAS – ausgeschrieben «GREen ENgineering solutions: a new LIFE for SEdiments And Shells». Es wird vom Politecnico di Bari koordiniert, läuft im EU-Programm LIFE vom Oktober 2023 bis September 2028 und vereint Forschungsinstitutionen, Hafenbehörden und Unternehmen aus Italien und Griechenland.

Der Ansatz verbindet aufbereitetes Schalenpulver mit ausgebaggerten Hafensedimenten und Bindemitteln. Die offizielle Projektseite nennt als Ziel, die technische Machbarkeit, Sicherheit und wirtschaftliche Tragfähigkeit der Wiederverwendung zu demonstrieren. Sedimente müssen dafür charakterisiert und, wo nötig, behandelt oder dekontaminiert werden. Erst dann können sie als Sekundärrohstoffe in neuen Materialien eingesetzt werden.

Vorgesehen sind unter anderem Pflastersteine für Aussenflächen, Wellenbrecherblöcke und stabilisierte Massen für Infrastrukturprojekte. Das Projekt befasst sich damit nicht nur mit einem neuen Material, sondern auch mit den Abläufen für Sammlung, Aufbereitung und Einsatz.

Was die Forschung bisher belegt

Das Politecnico di Bari berichtete im Februar 2026 über vielversprechende Laborergebnisse und mehrere Prototypen, darunter Modelle im grösseren Massstab. Diese sind für Herstellung und Praxistests in den beteiligten Häfen vorgesehen: Bari, Barletta, La Spezia und Piräus. Die europäische Klimainfrastruktur- und Umweltexekutivagentur CINEA beschreibt zudem einen mobilen Ansatz, mit dem Schalen und Sedimente nahe am Ort ihrer Entstehung verarbeitet und wiederverwendet werden sollen.

Das ist ein konkreter Fortschritt, aber noch kein Nachweis für einen breiten Markteinsatz. Ein Bauprodukt muss je nach Anwendung Dauerhaftigkeit, technische Eignung, Sicherheit und Normkonformität belegen. Aus den verfügbaren Primärquellen ergibt sich keine allgemeine Zulassung für tragende Hochbauten. Ebenso wenig lässt sich daraus ein einheitlicher CO2-Wert für alle künftigen Anwendungen ableiten.

Zwischen einem gelungenen Prototyp und einem regelmässig verwendeten Bauprodukt liegen zudem praktische Fragen: Wie konstant ist die Qualität der Ausgangsmaterialien? Welche Prüfungen sind für verschiedene Anwendungen nötig? Und lässt sich die Aufbereitung wirtschaftlich in ausreichendem Massstab organisieren? Diese Fragen entscheiden darüber, ob aus einem Forschungsprojekt tatsächlich ein belastbarer Baustoffkreislauf wird.

Die Projektunterlagen nennen erwartete Einsparungen im Demonstrationsszenario, etwa durch weniger Zement, weniger Deponierung und kürzere Transporte. Solche Werte sind für die Erprobung relevant, aber sie ersetzen keine vollständige Umweltbilanz für jedes einzelne Produkt und jeden Einsatzort.

Was die Schweiz daran angeht

Die Schweiz muss nicht auf Muschelschalen aus Bari warten, um vor derselben Grundfrage zu stehen: Unter welchen Bedingungen lassen sich Sekundärrohstoffe sicher in Bauprozesse integrieren? Laut Bundesamt für Umwelt verursachen Baumaterialien rund zehn Prozent des Schweizer Treibhausgas-Fussabdrucks. Gleichzeitig fliessen jährlich rund 60 bis 70 Millionen Tonnen Materialien in Hoch- und Tiefbauten.

Die hiesige Regulierung setzt dabei klare Grenzen. Schweizer Zementwerke dürfen Abfälle als Rohstoffe oder Brennstoffe verwenden, sofern dadurch die Schadstoffbelastung in den Ofenabgasen und im Klinker nicht steigt. Für neue Kreislaufbaustoffe wäre deshalb nicht nur ein möglicher CO2-Vorteil entscheidend. Ebenso wichtig wären Herkunft und Schadstoffgehalt der Ausgangsmaterialien, die technische Dauerhaftigkeit, die passende Zulassung und eine überprüfbare Umweltbilanz.

Gerade darin liegt der Erkenntniswert des Projekts aus Bari. Es verschiebt die Frage von «Kann Abfall zu Baustoff werden?» zu «Unter welchen messbaren Bedingungen ist ein Kreislaufbaustoff sicher, sinnvoll und skalierbar?» Für Bauherrschaften, Behörden und Anwohnende in der Schweiz ist das die nützlichere Frage.

Erst beweisen, dann versprechen

Kreislaufwirtschaft im Bau ist kein Freipass für jedes Nebenprodukt. Sie überzeugt dann, wenn ein Material technisch verlässlich ist, keine neuen Umweltprobleme schafft und gegenüber Primärrohstoffen einen nachvollziehbaren Vorteil bietet. Die Prototypen aus Bari sind deshalb ein relevanter Praxistest. Ihr Erfolg wird sich nicht daran messen lassen, ob Muschelschalen eine gute Geschichte ergeben, sondern ob Sicherheit, Dauerhaftigkeit und tatsächlicher Ressourcennutzen belastbar nachgewiesen werden.

Quellen

GREENLIFE4SEAS: Projektseite https://greenlife4seas.poliba.it/en/

Politecnico di Bari: Laborergebnisse und Prototypen, 11. Februar 2026 poliba.it/en/programma-europeo-greenlife4seas-promettenti-r…

CINEA: Kreislaufwirtschaft in der Aquakultur, 2. Oktober 2026 cinea.ec.europa.eu/news-events/news/when-waste-turns-resour…

BAFU: Auswirkungen des Wohnens auf die Umwelt bafu.admin.ch/de/auswirkungen-des-wohnens-auf-die-umwelt…

BAFU: Zementwerke https://www.bafu.admin.ch/de/zementwerke

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