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Weisse Labormäuse in einer neutralen Versuchstierhaltung als KI-generiertes Symbolbild
JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild
WissenschaftRecherche13:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Tierversuche: Die Zahl sinkt – die schwersten Belastungen nehmen zu

2025 wurden in der Schweiz so wenige Tiere in Versuchen eingesetzt wie seit Beginn der Statistik nicht mehr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Tiere im Schweregrad 3 auf den höchsten Stand seit 26 Jahren.

Die Schweizer Tierversuchsstatistik für 2025 erzählt zwei Geschichten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Insgesamt wurden 507’863 Tiere in Versuchen eingesetzt. Das sind 14’773 weniger als im Vorjahr und der tiefste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 1983. Gleichzeitig stieg die Zahl der Tiere in stark belastenden Versuchen der Kategorie Schweregrad 3 auf 29’413 – ein Plus von 7,4 Prozent und der höchste Wert seit 26 Jahren.

Beide Angaben stammen vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Sie widersprechen sich nicht. Sie zeigen, warum eine Gesamtzahl allein für die ethische und wissenschaftliche Einordnung zu wenig ist.

Weniger Tiere insgesamt

Der Rückgang um rund drei Prozent ist langfristig bemerkenswert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten bewegte sich die Zahl der Tiereinsätze laut Bundesamt zwischen etwa 520’000 und 760’000 pro Jahr. Auch bei den in Versuchstierhaltungen gezüchteten Tieren zeigt sich ein Rückgang: Seit 2021 sank ihre Zahl um ungefähr einen Fünftel.

Solche Entwicklungen können mehrere Gründe haben. Dazu zählen verbesserte Studienplanung, alternative Methoden, veränderte Forschungsprogramme oder eine präzisere Auswahl von Modellen. Aus der Statistik allein lässt sich nicht ableiten, welcher Faktor wie stark wirkte. Sie bestätigt aber, dass die Gesamtzahl der Tiereinsätze in der Schweiz nicht einfach stetig steigt.

Warum Schweregrad 3 besonders zählt

Schweregrad 3 bezeichnet Versuche mit schwerer Belastung für das Tier. Die Einteilung reicht von Grad 0 für nicht belastende Verfahren bis Grad 3 für starke Belastungen. Im Jahr 2025 wurden 2’033 Tiere mehr in dieser höchsten Kategorie eingesetzt als im Vorjahr. Der Anstieg betraf vor allem Mäuse und hing nach Angaben des Bundesamts insbesondere mit zusätzlichen Tiereinsätzen in der Krebsforschung zusammen.

Gleichzeitig erreichte die Zahl der Tiere im Schweregrad 2, also bei mittlerer Belastung, den tiefsten Wert der vergangenen zehn Jahre. Addiert man die beiden höchsten Belastungsgrade, ging ihre Gesamtzahl gegenüber dem Vorjahr dennoch zurück, weil der Rückgang im Schweregrad 2 grösser war als der Anstieg im Schweregrad 3.

Das entkräftet die ethische Frage nicht. Es ordnet sie nur genauer ein: Ein Rückgang der Gesamtzahl ist kein Grund, den Anstieg bei schweren Belastungen zu übersehen. Umgekehrt bedeutet eine höhere Zahl im Schweregrad 3 nicht automatisch, dass der Tierschutz insgesamt weniger ernst genommen wird. Die Forschung muss für jede Bewilligung die konkrete Belastung und den erwarteten Erkenntnisgewinn begründen.

Der rechtliche Massstab bleibt streng

Tierversuche dürfen in der Schweiz nur bewilligt werden, wenn keine geeignete Alternative zur Verfügung steht und der erwartete Nutzen die Belastung für die Tiere überwiegt. Zudem müssen Zahl und Belastung auf das unerlässliche Mass begrenzt werden. Dieses Prinzip steht hinter den «3R»: Replace, Reduce, Refine – ersetzen, verringern und verbessern.

Die Statistik dokumentiert nicht, ob jede einzelne Entscheidung ethisch richtig war. Das ist Aufgabe der Bewilligungsverfahren, der kantonalen Kommissionen und der Kontrolle durch die Behörden. Sie macht jedoch transparent, in welchen Forschungsbereichen und Schweregraden Tiere eingesetzt wurden. Genau diese Transparenz erlaubt es, kritische Fragen gezielt zu stellen, statt nur mit einer Gesamtzahl zu argumentieren.

Für die öffentliche Debatte bleibt ein Doppelbefund: Die Zahl der Tiereinsätze sinkt auf ein Rekordtief. Die Zahl besonders belasteter Tiere steigt. Beides ist relevant. Wer Fortschritte beim Ersatz und bei der Verringerung von Tierversuchen beurteilen will, muss deshalb nicht nur zählen, wie viele Tiere eingesetzt werden, sondern auch, welcher Belastung sie ausgesetzt sind und welche Alternativen tatsächlich verfügbar werden. Das ist auch für die Forschungsförderung wichtig: Alternativmethoden müssen nicht nur entwickelt, sondern zuverlässig validiert, breit zugänglich gemacht und fortlaufend verbessert werden.

Die Statistik zeigt damit auch eine Forschungsaufgabe. Wer schwere Belastungen vermeiden will, muss Alternativen früh in Studienplanung, Finanzierung und Bewertung verankern. Ob das gelingt, lässt sich nicht an einer einzelnen Jahreszahl ablesen, sondern an der Entwicklung nach Schweregrad und Forschungsgebiet.

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