Der Iran-Krieg belastet US-Munitionslager – und kostet bereits 38 Milliarden
Zwei neue Berichte zeigen die doppelte Belastung: hohe laufende Kosten und Engpässe bei strategischen Abfangwaffen. Doch genaue Bestände bleiben geheim.

Der Iran-Krieg wird nicht nur in Milliarden gemessen, sondern auch in dem, was danach im Lager fehlt. Zwei neue US-Berichte machen diese doppelte Rechnung für den seit sechs Monaten andauernden Krieg gegen Iran sichtbar. Das Congressional Budget Office beziffert die Kosten des Verteidigungsministeriums bis zum 1. August auf mehr als 38 Milliarden Dollar. Je nach Intensität könnten monatlich bis zu 3 Milliarden oder mehr hinzukommen.
Parallel warnt der Generalinspektor des Verteidigungsministeriums vor «strategic inventory shortfalls» – strategischen Lücken in den Beständen. Der Bericht zur Operation Epic Fury nennt hohe Ausgaben für Munition, veröffentlicht aber aus Sicherheitsgründen nicht für jeden Waffentyp Stückzahlen und verbleibende Reserven. Die Schlagzeile «Munition geht aus» wäre deshalb zu grob. Belegt ist eine Belastung; offen bleibt, wo sie militärisch kritisch wird.
Abfangraketen sind nicht beliebig austauschbar
In einem modernen Luftkrieg werden sehr unterschiedliche Waffen verbraucht: günstige Geschosse gegen Drohnen, weitreichende Präzisionswaffen gegen Ziele am Boden und teure Abfangraketen gegen ballistische Raketen. Ein grosser Gesamtbestand sagt wenig, wenn ausgerechnet ein knappes System besonders häufig eingesetzt wird.
Produktionslinien können nicht kurzfristig beliebig hochgefahren werden. Hochleistungslenkwaffen benötigen spezialisierte Komponenten, qualifizierte Zulieferer und lange Tests. Neue Bestellungen füllen Lager deshalb oft erst nach Monaten oder Jahren. Hinzu kommt, dass die USA Bestände nicht nur für den laufenden Krieg benötigen, sondern auch für Europa, den Indopazifik und den Schutz eigener Basen.

38 Milliarden sind eine Zwischenbilanz
Das CBO erstellte seine Schätzung im Auftrag des Kongresses. Sie liegt nahe bei den 37,5 Milliarden Dollar, die Verteidigungsminister Pete Hegseth im Juli genannt hatte. Die Zahl umfasst Ausgaben bis Anfang August, nicht die gesamten langfristigen Kosten. Ersatzbeschaffungen, Reparaturen, höhere Bereitschaft und spätere Veteranenleistungen können die Endrechnung verändern.
Nach Angaben des CBO dürfte der Krieg zudem bis ins erste Quartal 2027 zur Inflation beitragen. Die Behörde rechnet mit rund 0,5 Prozentpunkten zusätzlicher Teuerung gegenüber ihrer früheren Schätzung, vor allem wegen geringerer Öl- und Gastransporte durch die Strasse von Hormus sowie Störungen im Roten Meer. Diese Prognose ist keine gemessene Wirkung, sondern hängt vom weiteren Kriegsverlauf und den Energiepreisen ab.
Was «Bestandslücke» nicht beweist
Eine Lücke gegenüber einem strategischen Sollbestand bedeutet nicht zwingend, dass ein System im nächsten Einsatz fehlt. Militärplaner halten Reserven für mehrere Szenarien vor; sinkt der Bestand unter das Planungsziel, kann das zunächst die Auswahl künftiger Optionen einschränken. Wie nah einzelne Systeme an einer operativen Mindestgrenze liegen, bleibt klassifiziert.
Auch die Gegenmassnahmen zählen. Werden teure Abfangraketen gegen billige Drohnen eingesetzt, entsteht ein ungünstiges Kostenverhältnis. Verbesserte Sensorik, elektronische Störung und günstigere Abfangmittel könnten den Verbrauch senken. Ob diese Alternativen rechtzeitig in ausreichender Zahl verfügbar sind, lässt sich aus den Berichten nicht ableiten.
Warum die Schweiz die Entwicklung beobachten muss
Die Schweiz kauft einen Teil ihrer Luftverteidigung und Kampfflugzeuge in den USA. Daraus folgt nicht automatisch eine Verzögerung laufender Schweizer Verträge. Bei angespannten Produktionskapazitäten können Prioritäten der US-Streitkräfte und grosser Bündnispartner jedoch Lieferpläne und Ersatzteilverfügbarkeit beeinflussen. Jede konkrete Auswirkung müsste von armasuisse oder den Herstellern bestätigt werden.
Die neue Berichtslage zeigt deshalb weniger einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch als ein strategisches Dilemma: Die USA können einen intensiven Krieg führen, aber der Nachschub ist langsamer als der Verbrauch einzelner komplexer Systeme. Ob daraus eine dauerhafte Schwäche wird, entscheidet nicht die nächste Bestellung, sondern die Produktionskapazität der kommenden Jahre.
Die eigentliche Knappheit ist Zeit
Mehr Geld löst das Problem nur, wenn Hersteller zusätzliche Kapazität aufbauen können. Neue Fabriken, Zulieferverträge und qualifiziertes Personal benötigen Vorlauf; zugleich wollen Unternehmen wissen, ob hohe Bestellungen nach Kriegsende bestehen bleiben. Der Staat trägt deshalb ein Beschaffungsrisiko: Bestellt er zu wenig, erholen sich Reserven langsam. Bestellt er dauerhaft zu viel, finanziert er teure Überkapazitäten. Strategische Munitionsplanung ist damit auch Industriepolitik über viele Jahre.



