
Die Umweltbilanz des Kaffees beginnt lange vor der Kapsel
Verpackung fällt ins Auge. Für die Bilanz einer Tasse können jedoch Anbau, Dosierung und Zubereitung entscheidender sein.
Nach dem Sonntagskaffee bleibt etwas Sichtbares zurück: eine Kapsel, ein Filter oder Kaffeesatz. Leicht entsteht daraus ein Urteil über das ganze Getränk. Viel Abfall scheint eine schlechte, wenig Verpackung eine gute Umweltbilanz zu bedeuten. Doch ein grosser Teil der Belastung ist längst entstanden, bevor Wasser durch das Kaffeepulver läuft.
Die Frage nach der besseren Tasse führt deshalb zurück zum Anbau – und weiter zu einer weniger spektakulären Grösse: wie viel Kaffee tatsächlich verwendet wird. Wer nur den Abfall auf der Küchenablage vergleicht, sieht einen Ausschnitt des Lebenswegs.
Eine Schweizer Untersuchung mit einer bleibenden Frage
Die Empa veröffentlichte 2011 eine vereinfachte Ökobilanz zu verschiedenen Kaffeesystemen. Der Forscher Roland Hischier berücksichtigte dabei nicht nur Verpackungen, sondern auch den Kaffee und seine Zubereitung. Die Untersuchung zeigte, wie stark die Bilanz von Annahmen zum Anbau abhängen kann. Eine Rangfolge allein nach dem Verpackungsmaterial war damit nicht tragfähig.
Das Alter der Empa-Untersuchung ist wichtig: Sie ist kein Produkttest heutiger Maschinen und kein aktuelles Ranking aller Kapseln. Technik, Stromversorgung und konkrete Produkte können sich verändern. Ihr methodischer Punkt bleibt jedoch relevant: Eine Ökobilanz muss den Kaffee einschliessen, nicht bloss das Gefäss, in dem er verkauft wird.
Das erklärt auch, weshalb präzise klingende Aussagen ohne Angaben zur Dosierung wenig helfen. Zwei Systeme können für unterschiedlich grosse oder unterschiedlich starke Getränke verglichen worden sein. Dann stammt ein Teil des vermeintlichen Systemunterschieds aus der gewählten Portion.

Die neuere Forschung liefert keine einfache Rangliste
Eine systematische Übersicht von 2024 von Cécile Chéron-Bessou und weiteren Forschenden untersuchte 34 Studien mit insgesamt 234 Kaffeesystemen. Sie fand eine grosse Spannweite der Ergebnisse und Unterschiede bei Methoden, Datengrundlagen und betrachteten Abschnitten des Lebenswegs.
Über die untersuchten Arbeiten hinweg waren die Produktion der Bohnen sowie Zubereitung und Reinigung wichtige Einflussgrössen. Welche Phase dominiert, hängt vom konkreten System und den Annahmen ab. Landnutzungsänderungen, Düngung und Verarbeitung können die Anbauseite verändern; beim Brühen spielt unter anderem der Energiebedarf eine Rolle.
Die Übersicht plädiert deshalb für besser vergleichbare Vorgehensweisen. Sie liefert keinen universellen Sieger für jede Schweizer Küche. Eine Zahl aus einer Untersuchung lässt sich nicht ohne Prüfung neben eine Zahl aus einer anders aufgebauten Studie stellen. Selbst die Bezugsgrösse muss stimmen: Geht es um Kaffee als Rohstoff oder um ein fertig zubereitetes Getränk?
Was ein fairer Vergleich offenlegen sollte
Für Leserinnen und Leser ergeben sich daraus konkrete Prüffragen. Wird dieselbe Getränkemenge verglichen? Wie viele Gramm Kaffee werden eingesetzt? Gehören Herstellung und Nutzung der Maschine dazu? Wie werden Reinigung, Strom und Verpackungsentsorgung berücksichtigt? Und stammt das Wissen über den Bohnenanbau aus konkreten Lieferketten oder aus Durchschnittswerten?
Solche Fragen machen einen Vergleich nicht unnötig kompliziert. Sie verhindern, dass ein einzelnes günstiges Detail für das gesamte Produkt steht. Eine gut verwertbare Verpackung kann ein Vorteil sein; sie sagt noch nicht, wie der Kaffee angebaut wurde. Umgekehrt macht ein hoher Anbauanteil die Verpackung nicht bedeutungslos.
Auch Klimabilanz und gesamte Umweltwirkung sind nicht identisch. Wer Ergebnisse zu Treibhausgasen liest, sollte sie nicht stillschweigend als Urteil über alle Umweltaspekte behandeln. Eine seriöse Darstellung benennt, welche Wirkung untersucht wird und welche ausserhalb des Vergleichs bleibt.
Die unscheinbaren Entscheidungen am Frühstückstisch
Für den eigenen Haushalt ist die Schlussfolgerung zunächst bescheiden: Die verwendete Menge und die tatsächlich getrunkene Portion verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie das System. Eine grosse Kanne, von der ein Teil übrig bleibt, erfüllt eine andere Aufgabe als eine passend bemessene Portion. Daraus folgt ohne konkrete Berechnung noch keine Rangliste, wohl aber eine sinnvollere Vergleichsfrage.
Eine neue Maschine ist aus diesen Studien ebenfalls nicht automatisch abzuleiten. Dazu müsste auch ihre Herstellung berücksichtigt werden. Wer bereits ein funktionierendes Gerät besitzt, erhält durch eine pauschale Kaufempfehlung noch keine nachvollziehbare Umweltrechnung.
Der Sonntagskaffee muss deshalb nicht zum Rechenprojekt werden. Aber die Debatte gewinnt, wenn sie über den Abfalleimer hinausblickt. Die kleine Kapsel ist sichtbar. Der Weg der Bohne bleibt für die Bilanz oft die grössere Geschichte.



