
Donbas: Evakuierung von Familien mit Kindern wird ausgeweitet
Die Anordnung gilt neu für alle Ortschaften beider Gemeinden. Die Gefahr für Zivilisten wächst – daraus lässt sich aber kein einheitlicher russischer Vormarsch ableiten.
Die ukrainischen Behörden haben die verpflichtende Evakuierung von Familien mit Kindern auf alle Ortschaften der Gemeinden Kramatorsk und Slowjansk ausgeweitet. Die Regionalverwaltung Donezk veröffentlichte die Ankündigung am 22. Oktober 2026. Gouverneur Wadym Filaschkin begründet sie mit einer sich verschlechternden Sicherheitslage und täglichen russischen Angriffen auf Wohngebiete, zivilen Verkehr und andere Aufenthaltsorte der Bevölkerung.
Die Ausweitung ist eine konkrete neue Entwicklung im Donbas. Sie betrifft jedoch eine bestimmte Personengruppe und ein klar benanntes Gebiet. Sie bedeutet nicht, dass die Behörden nun sämtliche Einwohner der gesamten Region gleichzeitig zwangsweise wegbringen. Ebenso wenig belegt eine Evakuierungsanordnung für sich, welche Armee an welchem Frontabschnitt Gelände kontrolliert.
Die Ausreise braucht einen sicheren Anschluss
Nach Angaben Filaschkins werden spezialisierte Gruppen der Polizei und des ukrainischen Katastrophenschutzes DSNS eingesetzt. An Transitstellen sollen Familien Unterstützung für die Weiterreise in sicherere Regionen erhalten. Die Entscheidung zielt damit nicht bloss auf eine Warnung an Eltern, sondern auf einen organisierten Ortswechsel.
Welche Dimension die Bewegung bereits zuvor hatte, zeigt eine Mitteilung der Regionalverwaltung vom 14. Oktober. In den ersten beiden Oktoberwochen verliessen demnach 4340 Menschen den ukrainisch kontrollierten Teil der Oblast, selbstständig oder durch Evakuierung. Rund 2100 kamen aus der Gemeinde Kramatorsk, 700 aus der Gemeinde Slowjansk. Das sind zeitlich abgegrenzte Behördenangaben, keine aktuelle Gesamtbilanz sämtlicher Vertriebenen.
Gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist ein freier Platz in einem Fahrzeug nicht genug. Die Verwaltung meldete für den damaligen Berichtszeitraum 275 kostenlos umgesiedelte Menschen, darunter 107 mit Mobilitätseinschränkungen. Von diesen wurden 75 in Gesundheitseinrichtungen zur längerfristigen Pflege aufgenommen. Die Zahlen machen deutlich, dass Transport und Versorgung am Ziel zusammen geplant werden müssen.

Die Mitteilung vom 14. Oktober nennt Transitstellen in den Gebieten Charkiw und Dnipropetrowsk sowie kostenlose Weiterreisen per Bahn. Daraus folgt nicht, dass an jedem Wohnort ein Zug erreichbar ist. Für eine konkrete Ausreise bleiben die jeweils zuständigen örtlichen Stellen massgeblich; eine ältere Regionalübersicht ist kein aktueller Fahrplan.
Helfer arbeiten unter eigener Gefährdung
Die Regionalverwaltung berichtete am 16. Oktober unter Berufung auf den Katastrophenschutz über 55 Menschen, die das Team «Phoenix» in der ersten Monatshälfte aus gefährdeten Teilen der Gemeinden Kramatorsk und Swjatohirsk herausgebracht habe. Darunter waren acht Kinder und neun Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Die Behörde beschreibt eine ständige Bedrohung durch Beschuss und Drohnen.
Solche Angaben dokumentieren die Arbeit einzelner Teams, sind aber nicht mit der Gesamtzahl aller Ausreisen gleichzusetzen. Die 55 Geretteten und die 4340 Menschen aus der früheren Regionalbilanz dürfen deshalb nicht unbesehen addiert werden. Erhebungszeitraum, räumlicher Umfang und erfasste Hilfeleistungen unterscheiden sich.
Frontmeldungen verlangen einen anderen Beleg
Auch die militärische Lage ist differenzierter als eine pauschale Meldung über russische Geländegewinne. Das Institute for the Study of War beschreibt in seiner Lagebeurteilung vom 22. Oktober begrenzte russische Angriffe östlich von Slowjansk, ohne dort einen Vormarsch festzustellen. Südöstlich von Dobropillja bewertet es anhand geolokalisierter Aufnahmen eine russische Aktion als Infiltration. In Kostjantyniwka verweist es auf ineinander verzahnte ukrainische und russische Positionen.
Das sind Einschätzungen eines Analyseinstituts auf Grundlage öffentlich zugänglichen Materials, keine lückenlose Beobachtung des Schlachtfelds. Eine kleine eingedrungene Gruppe ist nicht automatisch gleichbedeutend mit dauerhaft gesicherter Kontrolle. Und das Fehlen eines bestätigten Geländegewinns macht einen Ort nicht sicher: Drohnen, Artillerie und Luftangriffe bedrohen Menschen auch hinter der unmittelbaren Kontaktlinie.
Was die Schweiz daraus ableiten kann
Für die Schweizer Unterstützung der Ukraine sind akuter Schutz und längerfristiger Wiederaufbau auseinanderzuhalten. Am 9. Oktober trat ein bilaterales Wiederaufbauabkommen in Kraft. Nach Darstellung der DEZA kann die Ukraine darüber benötigte Güter und Dienstleistungen definieren, die der Bund bei Schweizer Unternehmen in öffentlichen Verfahren beschafft. Ein Schwerpunkt liegt auf Energie und Infrastruktur.
Dieses Instrument ersetzt keine Evakuierungsplanung und ist keine Zusage für ein bestimmtes Projekt in Kramatorsk oder Slowjansk. Die jüngste Anordnung zeigt vielmehr, weshalb Wiederaufbau und humanitäre Hilfe parallel gedacht werden müssen: Ein repariertes Gebäude löst weder die Gefahr auf dem Weg dorthin noch den Pflegebedarf einer evakuierten Person. Entscheidend bleibt, ob Menschen nicht nur wegkommen, sondern am neuen Ort verlässlich versorgt werden.
Quellen
- Regionalverwaltung Donezk: Ausweitung der Evakuierung, 22. Oktober 2026
- Regionalverwaltung Donezk: Evakuierungsbilanz, 14. Oktober 2026
- Regionalverwaltung Donezk / DSNS: Team Phoenix, 16. Oktober 2026
- DEZA: Wiederaufbauabkommen in Kraft, 9. Oktober 2026
- ISW / Critical Threats: Lagebeurteilung, 22. Oktober 2026
- Titelbild: DSNS Donezk, Wikimedia Commons
- Lizenz Titelbild: CC BY 4.0
- Artikelbild: Yevgen Goncharenko, Wikimedia Commons
- Lizenz Artikelbild: CC BY-SA 4.0



