«Naza» wird zum politischen Testfall für Israels Kriegsdebatte
In Venedig gewann der Dokumentarfilm den Spezialpreis der Jury, in Israel löste er scharfe Angriffe aus. Der Streit dreht sich ebenso um Belege wie um die Grenzen legitimer Kritik.

Ein Filmfestivalpreis ist kein Beweisurteil. Dennoch hat der Spezialpreis der Jury in Venedig den Dokumentarfilm «Naza» zu einem politischen Ereignis gemacht. Die israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor versammeln darin Aussagen von 24 Angehörigen des israelischen Militärs und der Nachrichtendienste. Sie beschreiben, wie zivile Opfer bei Angriffen im Gazastreifen kalkuliert worden seien und welche Rolle datenbasierte Zielsysteme gespielt hätten.
In Venedig erhielt der Film langen Applaus und am 12. September den Spezialpreis der Jury. In Israel reagierten Regierung und Militärführung scharf. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu warf den Beteiligten nach Angaben der Nachrichtenagentur AP Aufwiegelung und Antisemitismus vor; Militärvertreter kündigten an, nach Soldaten zu suchen, die mit dem Projekt kooperiert hätten. Kulturminister Miki Zohar brachte sogar einen Entzug der Staatsbürgerschaft der Filmschaffenden ins Spiel.
Was der Film behauptet – und was überprüfbar ist
Die Biennale nennt Regie, Produktionsdaten und Laufzeit: 80 Minuten, produziert im Vereinigten Königreich, uraufgeführt im Wettbewerb Venezia 83. AP berichtet, dass die Interviews über drei Jahre und unter grosser Geheimhaltung geführt wurden. Die meisten Stimmen und Gesichter seien verfremdet. Mehrere zentrale Vorwürfe knüpfen an bereits veröffentlichte Recherchen über Zielauswahl, künstliche Intelligenz und die Abwägung ziviler Schäden an.
JournalPlus hat «Naza» nicht unabhängig gesichtet. Die Darstellung hier stützt sich deshalb auf Festivalunterlagen, die Berichterstattung von AP und öffentlich wiedergegebene Stellungnahmen. Ob jede Aussage im Film zutrifft, lässt sich daraus nicht ableiten. Ebenso wenig widerlegt politische Empörung die Aussagen automatisch.

Anonymität ist Schutz und Schwäche zugleich
Bei Aussagen aus Militär und Geheimdienst ist Anonymität häufig Voraussetzung dafür, dass Insider überhaupt sprechen. Sie schützt vor dienstrechtlichen oder persönlichen Folgen. Für das Publikum entsteht dadurch aber eine Prüflücke: Dienstgrad, Zugang zu Informationen und mögliche Eigeninteressen können nur begrenzt beurteilt werden.
Das macht journalistische Gegenprüfung entscheidend. Starke Dokumentarfilme legen offen, welche Dokumente, Bilddaten, frühere Untersuchungen und unabhängigen Fachleute eine anonyme Aussage stützen. Die bisher öffentlich zugänglichen Beschreibungen zeigen, dass «Naza» auf mehreren Zeugenaussagen beruht. Sie ersetzen keine gerichtliche Feststellung und auch keine vollständige militärische Aktenlage.
Die Armee verweist auf militärischen Kontext
Israels Armee weist die Darstellung zurück, zivile Tote seien systematisch oder willkürlich in Kauf genommen worden. Nach den publizierten Reaktionen argumentiert sie, der Film stelle gewöhnliche Verhältnismässigkeitsprüfungen des Kriegsrechts verzerrt dar und lasse den Kontext des Kampfes gegen die Hamas ausser Acht. Das ist ein inhaltlicher Gegenpunkt, der geprüft werden muss – nicht bloss eine PR-Reaktion.
Zugleich ist der politische Umgang mit Kritik Teil der Geschichte. Wenn Regierungsmitglieder den Entzug der Staatsbürgerschaft verlangen oder die Suche nach Informanten ankündigen, verschiebt sich die Debatte von der Beweisfrage zur Loyalitätsfrage. Das kann weitere Zeugen abschrecken, ändert aber nichts daran, dass die Vorwürfe belegt oder widerlegt werden müssen.
Zwei Öffentlichkeiten sehen zwei verschiedene Filme
In Venedig wurde «Naza» als mutige Enthüllung gelesen. In Israel sehen viele Kritiker einen Film, der das Land während eines Krieges delegitimiert und den Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 unzureichend einordnet. Beides sind Deutungen. Der Preis einer Festivaljury bestätigt künstlerische und journalistische Wirkung, nicht die Wahrheit jedes Details; staatliche Verurteilung ist umgekehrt kein Gegenbeweis.
Die nachhaltige Bedeutung von «Naza» wird daher nicht an der Lautstärke von Applaus oder Empörung entschieden. Sie hängt davon ab, ob die Aussagen unabhängig verifiziert werden, ob Dokumente zugänglich werden und ob die Vorwürfe in rechtlichen oder parlamentarischen Verfahren geprüft werden. Ein demokratischer Staat muss harte Kritik aushalten – und kritischer Journalismus muss seine stärksten Behauptungen ebenso hart belegen.
Welche Belege jetzt den Unterschied machen
Die stärksten nächsten Schritte wären überprüfbare Einsatzprotokolle, Zielgenehmigungen, Zeit- und Ortsangaben sowie unabhängige Vergleiche mit Satellitenbildern und Opferdaten. Einzelne Dokumente könnten allerdings ebenfalls unvollständig sein oder ohne Kontext missverstanden werden. Entscheidend ist eine Kette voneinander unabhängiger Belege. Bis sie öffentlich vorliegt, ist eine präzise Formulierung Pflicht: Der Film dokumentiert Aussagen und erhebt Vorwürfe; er ersetzt weder eine strafrechtliche Untersuchung noch deren Beweisstandard.



