
Parmelin in Hanoi: Die EFTA-Unterschrift ist erst der Auftakt
Bundespräsident Guy Parmelin vereinbarte in Vietnam neue Schritte bei Innovation und Arbeit. Das Freihandelsabkommen der EFTA soll erst am 18. Oktober unterzeichnet werden und tritt nicht sofort in Kraft.
Bundespräsident Guy Parmelin hat am Freitag, 17. Oktober, in Hanoi Gespräche mit Vietnams Präsident Tô Lâm und Premierminister Lê Minh Hưng geführt. Nach Angaben des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten vereinbarten die beiden Länder unter anderem zwei Projekte der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit sowie Absichtserklärungen zu Arbeits- und Beschäftigungsfragen und zu Innovation. Im Zentrum des Besuchs steht zudem ein Freihandelsabkommen der EFTA mit Vietnam.
Gerade bei diesem Abkommen ist die Zeitform entscheidend. Die Unterzeichnung war für Sonntag, 18. Oktober, angekündigt. Am 17. Oktober war es folglich weder unterzeichnet noch in Kraft. Wer jetzt bereits konkrete Zollerleichterungen oder neue Marktzugänge als Realität beschreibt, greift dem Verfahren vor. Die Unterschrift ist ein wichtiger politischer Schritt, aber sie ersetzt nicht die anschliessenden innerstaatlichen Genehmigungen.
Warum Vietnam für die Schweiz wirtschaftlich zählt
Vietnam ist seit 2008 ein Schwerpunktland der schweizerischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Laut EDA betrug der bilaterale Handel 2023 rund 2,19 Milliarden Franken; mehr als hundert Schweizer Unternehmen sind im Land tätig. Diese Zahlen erklären das Interesse an verlässlicheren Rahmenbedingungen. Sie bedeuten jedoch nicht, dass jedes Schweizer Unternehmen unmittelbar vom geplanten Abkommen profitieren würde. Wirkung hängt von Branche, Ursprungsregeln, Lieferketten und der späteren Anwendung ab.
Die EFTA umfasst neben der Schweiz Island, Liechtenstein und Norwegen. Sie schloss die Verhandlungen mit Vietnam nach eigenen Angaben am 2. Juli 2026 ab. Verhandlungsabschluss und Unterzeichnung zeigen, dass sich die Parteien auf einen Text geeinigt haben. Was danach gilt, hängt davon ab, wie das Abkommen ratifiziert und umgesetzt wird. Für Schweizer Firmen ist diese Unterscheidung praktisch: Planung kann beginnen, rechtliche Ansprüche aus dem Abkommen entstehen aber erst mit seinem Inkrafttreten.
Innovation und Arbeit neben dem Handel
Die Mitteilung aus Hanoi beschränkt sich nicht auf Zölle. Die vereinbarten Entwicklungsprojekte sowie die Absichtserklärungen zu Arbeit und Innovation sprechen Themen an, die Handelsbeziehungen langfristig prägen: Qualifizierung, Standards, technologische Zusammenarbeit und die Qualität von Arbeitsplätzen. Eine Absichtserklärung ist dabei kein Gesetz und keine automatisch finanzierte Massnahme. Sie hält fest, in welchen Bereichen die Partner zusammenarbeiten wollen.
Gerade für die Schweiz, deren Exportwirtschaft stark von spezialisierten Produkten und Dienstleistungen geprägt ist, kann dieser breitere Ansatz bedeutsam sein. Innovation lässt sich nicht allein mit einem Freihandelsvertrag verordnen. Er kann aber einen Rahmen schaffen, in dem Unternehmen, Hochschulen und Behörden verlässlicher zusammenarbeiten. Ob daraus konkrete Projekte entstehen, hängt von nachfolgenden Vereinbarungen und Ressourcen ab.
Die Ratifikation bleibt ein eigener Schritt
Internationale Handelsabkommen treten nicht durch eine Pressekonferenz in Kraft. In der Schweiz folgt grundsätzlich das parlamentarische Genehmigungsverfahren; je nach Ausgestaltung können weitere rechtliche Schritte relevant werden. Auch Vietnam und die anderen EFTA-Staaten müssen die erforderlichen Verfahren abschliessen. Erst danach lässt sich sagen, ab wann einzelne Bestimmungen gelten und welche Übergangsfristen vorgesehen sind.
Das ist keine Formalität. Unternehmen brauchen Klarheit darüber, wann sie Ursprungsnachweise einsetzen können, welche Produkte erfasst sind und wie sich Regeln auf bestehende Verträge auswirken. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Konsumentinnen und Konsumenten ist ebenfalls entscheidend, ob und wann ökonomische Effekte tatsächlich eintreten. Ein Abkommen kann Chancen eröffnen, garantiert aber weder Exportwachstum noch tiefere Preise.
Was der Besuch tatsächlich verändert
Der Besuch in Hanoi ist ein sichtbarer Ausbau der bilateralen Beziehungen: Er bündelt Handelsverhandlungen, Entwicklungszusammenarbeit und Innovationskontakte. Der stärkste belastbare Satz lautet aber nicht, dass der Handel nun neu geregelt sei. Richtig ist: Die EFTA und Vietnam stehen vor der Unterzeichnung eines ausgehandelten Abkommens, während die Schweiz und Vietnam konkrete Kooperationsfelder weiterentwickeln.
Für die Schweizer Wirtschaft liegt der Nutzen zunächst in Planbarkeit und Dialog. Der nächste Prüfpunkt ist der 18. Oktober. Danach wird entscheidend sein, wie schnell und mit welchen Details die Ratifikations- und Umsetzungsphase vorangeht. Erst dann wird aus einem diplomatischen Auftakt ein verbindlicher wirtschaftlicher Rahmen.


