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Eine schwangere Reisende mit Rollkoffer in einer hellen Ankunftshalle in Brasilien.
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AuslandRecherche05:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Geburt in Brasilien: Warum russische Familien den langen Weg wählen

Brasiliens Geburtsortsprinzip macht dort geborene Kinder grundsätzlich zu Staatsangehörigen. Für die Eltern entstehen Aufenthaltsmöglichkeiten – aber keine automatische Einbürgerung.

Eine Geburt Tausende Kilometer von zu Hause entfernt ist keine gewöhnliche Reiseentscheidung. Dennoch wählen russische Frauen nach Recherchen der Deutschen Welle zunehmend Brasilien als Geburtsort. Im Zentrum steht ein rechtlicher Vorteil: Brasilien vergibt die Staatsangehörigkeit grundsätzlich nach dem Geburtsort. Das Kind erhält damit einen brasilianischen Pass und langfristig zusätzliche Reisemöglichkeiten. Für die Eltern kann sich ein Aufenthaltsweg öffnen.

Die Erzählung vom «Pass durch Geburt» greift jedoch zu kurz. Sie vermischt die Rechte des Kindes mit jenen der Eltern und blendet medizinische, administrative und finanzielle Risiken aus. Wie gross das Phänomen tatsächlich ist, lässt sich aus einzelnen Berichten und Angeboten von Vermittlungsagenturen nicht zuverlässig bestimmen. Belegt ist vor allem der rechtliche Anreiz.

Das Kind ist brasilianisch – die Eltern nicht automatisch

Artikel 12 der brasilianischen Verfassung legt fest, dass in Brasilien geborene Kinder grundsätzlich brasilianische Staatsangehörige von Geburt an sind. Die Ausnahme betrifft Kinder ausländischer Eltern, die im Dienst ihres Staates stehen, etwa Diplomatinnen und Diplomaten. Dieses Geburtsortsprinzip gilt unabhängig davon, ob die Eltern dauerhaft in Brasilien leben.

Für Mutter und Vater folgt daraus keine sofortige brasilianische Staatsbürgerschaft. Das Justizministerium nennt jedoch Familienzusammenführung als Grundlage für eine Aufenthaltsbewilligung: Wer ein brasilianisches Kind hat, kann eine entsprechende Bewilligung beantragen. Dafür sind ein Verfahren bei der Bundespolizei und Dokumente über Identität, Abstammung und strafrechtlichen Hintergrund nötig. Eine spätere Einbürgerung bleibt ein eigener Rechtsakt mit zusätzlichen Voraussetzungen.

Pass, Vorsorgeheft und Babydecke auf einem Tisch in einem ruhigen Behandlungszimmer.
Geburtstourismus verbindet Aufenthaltsrecht, medizinische Versorgung und langfristige Familienentscheidungen. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Warum Brasilien attraktiv erscheint

Für russische Familien ist ein zweiter Pass seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine und den darauf folgenden Sanktionen zu einer Form der Absicherung geworden. Einschränkungen im internationalen Reise- und Zahlungsverkehr, politische Unsicherheit und Sorgen um die Zukunft von Kindern verstärken den Wunsch nach einer zusätzlichen rechtlichen Option. Ein brasilianischer Pass kann dem Kind später Zugang zu weiteren Ländern und regionalen Rechten in Südamerika erleichtern.

Hinzu kommt eine Dienstleistungsbranche, die Flüge, Wohnungen, Übersetzungen, Arzttermine und Behördengänge bündelt. Solche Pakete senken praktische Hürden, schaffen aber ein Informationsgefälle. Wer auf die Angaben einer Vermittlerin angewiesen ist, kann Kosten, medizinische Standards oder den Umfang rechtlicher Leistungen schwer prüfen. Das Risiko falscher Versprechen wächst, wenn Aufenthaltsrecht und Staatsbürgerschaft als dasselbe verkauft werden.

Brasilien behandelt die Einreise zur Geburt nicht grundsätzlich als Straftat. Reisende müssen dennoch den tatsächlichen Zweck ihrer Einreise korrekt angeben und die jeweils gültigen Visa- und Aufenthaltsregeln einhalten. Falsche Angaben oder gefälschte Dokumente können straf- und migrationsrechtliche Folgen haben.

Eine medizinische Reise mit wenig Spielraum

Eine Schwangerschaft im letzten Drittel macht jede Langstreckenreise anspruchsvoll. Fluggesellschaften verlangen ab einem bestimmten Schwangerschaftszeitpunkt häufig ärztliche Bescheinigungen und können die Beförderung kurz vor dem Termin ablehnen. Die Regeln unterscheiden sich je nach Airline. Dazu kommen individuelle Risiken wie Frühgeburt, Thrombosen oder Schwangerschaftskomplikationen; sie müssen mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt beurteilt werden.

Auch die Versorgung vor Ort sollte vor Abreise geklärt sein: Wer übernimmt Vorsorge, Geburt und mögliche Intensivbehandlung? Welche Leistungen deckt eine Versicherung, und gelten Wartefristen oder Ausschlüsse für eine bereits bestehende Schwangerschaft? Eine komplikationslose Privatgeburt und ein medizinischer Notfall haben völlig andere Kosten. Das öffentliche brasilianische Gesundheitssystem bietet Versorgung, doch Zugang, Sprache und Abläufe sind für kurzfristig Eingereiste nicht automatisch planbar.

Nach der Geburt folgen Registrierung, brasilianische Dokumente und gegebenenfalls die Registrierung bei den Behörden des Herkunftslandes. Weil das Kind brasilianisch ist, können für seine spätere Ausreise besondere Zustimmungsvorschriften gelten. Brasilianische Auslandsvertretungen weisen darauf hin, dass auch doppelte Staatsangehörige den brasilianischen Regeln für Reisen Minderjähriger unterliegen können.

Keine einfache Abkürzung

Das brasilianische Modell gibt dem Kind vom ersten Tag an ein starkes Recht. Es ist zugleich kein Freipass für die ganze Familie. Aufenthalt, Einbürgerung, Krankenversicherung und Ausreise bleiben getrennte Verfahren. Genau diese Trennung ist der entscheidende Punkt, den Werbung für sogenannte Geburtspakete oft verwischt.

Für Familien kann Brasilien eine langfristige Option sein. Verantwortbar wird die Entscheidung erst, wenn medizinische Sicherheit und unabhängige Rechtsberatung mehr Gewicht erhalten als das Versprechen eines zusätzlichen Passes.

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