
Atemwegsviren 2025/26: Warum eine Saison nicht einem einzigen Muster folgt
Der BAG-Bericht zur Saison 2025/26 zeigt unterschiedliche zeitliche Muster von Grippe, Covid-19 und RSV. Für Prävention und Versorgung ist dieser Unterschied entscheidend.
Die Atemwegssaison 2025/26 lässt sich nicht mit einer einzigen Kurve erklären. Der Jahresbericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) beschreibt eine Grippewelle, die bereits im November einsetzte und um den Jahreswechsel ihren Höhepunkt erreichte. SARS-CoV-2 und das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) folgten dagegen eigenen zeitlichen Mustern. Wer alle drei Erreger unter dem Sammelbegriff «Erkältungssaison» zusammenfasst, verpasst deshalb den entscheidenden Punkt: Für Arztpraxen, Spitäler und Pflegeeinrichtungen entstehen die Belastungsspitzen nicht zwingend gleichzeitig.
Drei Erreger, verschiedene Verläufe
Nach dem BAG-Bericht war SARS-CoV-2 vor allem im Herbst aktiv, während RSV später im Winter seinen Höhepunkt erreichte. Influenza kann insbesondere bei älteren Menschen, Schwangeren, chronisch Kranken und kleinen Kindern schwere Verläufe auslösen. RSV ist für Säuglinge sowie ältere und vorerkrankte Menschen besonders relevant. Covid-19 wiederum bleibt ganzjährig im Blick, auch wenn sich die Aktivität saisonal verändert.

Diese zeitliche Staffelung hat praktische Folgen. Personalplanung, Testkapazitäten und Schutzmassnahmen müssen flexibel bleiben. Eine rückläufige Grippekurve bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte respiratorische Belastung vorbei ist. Umgekehrt lässt sich aus einer hohen Zahl positiver Laborbefunde nicht direkt ableiten, wie viele Menschen in der Gesamtbevölkerung erkrankt sind.
Was die Daten tatsächlich messen
Das BAG kombiniert mehrere Überwachungssysteme. Dazu gehören Laborbefunde, Meldungen aus der medizinischen Grundversorgung und weitere epidemiologische Indikatoren. Diese Systeme beleuchten dieselbe Lage aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Labordaten zeigen, welche Erreger in untersuchten Proben gefunden werden; Konsultationsdaten bilden ab, wie viele Menschen wegen typischer Beschwerden medizinische Hilfe suchen.
Keine dieser Reihen ist eine vollständige Zählung sämtlicher Infektionen. Testverhalten, Arztbesuche und Meldepraxis beeinflussen die gemessenen Werte. Besonders bei milden Verläufen bleiben viele Fälle unsichtbar. Der Nutzen der Surveillance liegt daher weniger in einer vermeintlich exakten Gesamtzahl als im Erkennen von Trends, Wendepunkten und ungewöhnlichen Verschiebungen.
Eine frühe Grippewelle ist noch keine Ursachenanalyse
Dass die Influenza früh begann, ist ein belastbarer Befund des Berichts. Warum sie früher als erwartet zirkulierte, lässt sich daraus allein aber nicht ableiten. Wetter, Reisebewegungen, vorhandene Immunität, Virusvarianten und das Verhalten der Bevölkerung können zusammenwirken. Wer einen einzelnen Faktor zur Ursache erklärt, geht über die Daten hinaus.
Für die Prävention ist der Zeitpunkt dennoch relevant. Impfkampagnen und Informationen an Risikogruppen müssen Menschen erreichen, bevor die Übertragung stark zunimmt. Eine frühe Welle verkürzt dieses Zeitfenster. Gleichzeitig sollten individuelle Entscheide – etwa über Impfungen oder den Schutz besonders gefährdeter Angehöriger – auf ärztlicher Beratung und den jeweils aktuellen BAG-Empfehlungen beruhen, nicht auf einer rückblickenden Saisonkurve allein.
Was das für die Schweiz bedeutet
Die Schweiz verfügt über ein dichtes Gesundheitswesen, aber nicht über unbegrenzte Reserven. Wenn verschiedene Erreger nacheinander hohe Konsultations- und Hospitalisationszahlen verursachen, kann sich die Beanspruchung über Monate ziehen. Gerade in der Grundversorgung und in Pflegeinstitutionen ist deshalb eine kontinuierliche Lagebeurteilung wichtiger als die Suche nach dem einen «Höhepunkt» der Saison.
Auch für Privatpersonen ist die Unterscheidung nützlich. Ähnliche Symptome erlauben meist keine sichere Selbstdiagnose. Bei schweren Beschwerden, Atemnot oder erhöhtem persönlichem Risiko ist medizinischer Rat angezeigt. Im Alltag bleiben gut bekannte Massnahmen sinnvoll: bei Krankheit zu Hause bleiben, Innenräume regelmässig lüften, auf Handhygiene achten und bei engem Kontakt mit besonders gefährdeten Personen zusätzliche Vorsicht walten lassen.
Die wichtigste Erkenntnis des BAG-Berichts ist somit keine Rangliste der Viren. Sie lautet, dass eine Saison aus mehreren, zeitlich versetzten Epidemien bestehen kann. Gute Vorbereitung beginnt deshalb nicht mit einer pauschalen Prognose, sondern mit der Fähigkeit, neue Daten laufend einzuordnen und Massnahmen an den tatsächlichen Verlauf anzupassen.



