
Bahnwochenende nach Deutschland: Bis zu zwei Stunden mehr Reisezeit
Bauarbeiten treffen am Wochenende die Verbindung Basel–Offenburg. Eine neue ETH-Studie zeigt daneben, wie viel Zeit bereits im normalen Fahrplan steckt.
Wer am Samstag, 19. September, mit dem Zug Richtung Deutschland aufbricht, sollte seine Reise nicht aus der Erinnerung planen. Wegen Bauarbeiten zwischen Müllheim und Offenburg kommt es von Freitagabend bis Montagmorgen zu Ausfällen auf der Verbindung Basel SBB–Offenburg. Die SBB rechnen bei den Ersatzverbindungen mit 60 bis 120 Minuten längerer Reisezeit.
Zwischen Basel SBB und Müllheim ist stündlich ein Zug pro Richtung vorgesehen, zwischen Müllheim und Offenburg verkehren Ersatzbusse. Wenige durchgehende ICE werden zwischen Offenburg und Zürich umgeleitet und halten dabei nur in Singen. Für die konkrete Abfahrt und die Anschlüsse ist der aktuelle Online-Fahrplan massgeblich. Diese Angaben beschreiben den angekündigten Baustellenfahrplan, keine Vorhersage der tatsächlichen Betriebslage am Reisetag.
Der Anschluss ist ein Teil des Produkts
Die Unterbrechung macht eine alltägliche Eigenschaft des Bahnreisens besonders sichtbar: Entscheidend ist die gesamte Verbindung. Ein schneller Zug auf einem Teilstück nützt wenig, wenn davor oder danach lange gewartet werden muss. Für einen kurzen Wochenendausflug kann die Zeit zwischen zwei Verkehrsmitteln stärker ins Gewicht fallen als eine kleine Geschwindigkeitssteigerung unterwegs.
Genau diesen Zusammenhang untersucht eine im August vorgestellte Studie der ETH Zürich. Das Forschungsteam unter Leitung von Francesco Corman mit Erstautor Matthias Benjamin Andrews García analysierte Verbindungen zwischen mehr als 31'000 europäischen Bahnhöfen. Statt nur Streckenlängen und Geschwindigkeiten zu betrachten, verglich es die Fahrpläne mit einer hypothetisch optimalen Abstimmung bestehender Zugverbindungen.
Im europäischen Durchschnitt liegt die so gemessene Reisezeiteffizienz bei ungefähr 75 Prozent. Daraus ergibt sich ein theoretisches Potenzial von rund einem Viertel der Reisezeit. Das bedeutet nicht, dass am nächsten Samstag jede Fahrt einfach um 25 Prozent verkürzt werden könnte. Der Vergleich dient dazu, den Einfluss der Anschlüsse sichtbar zu machen; er ist kein fertig umsetzbarer Ersatzfahrplan.

Warum auch Deutschland gut abschneiden kann
Die ETH zählt die Schweiz und Deutschland bei dieser Kennzahl zu den gut integrierten Netzen. Wer zuletzt einen Anschluss verpasst hat, mag das überraschend finden. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald die Messgrössen getrennt werden. Ein auf dem Papier gut abgestimmter Fahrplan sagt noch nicht, dass die vorgesehenen Züge tatsächlich pünktlich verkehren.
Die SBB erklären ihre Betriebsmessung anders: Ein Zug gilt in ihrer Pünktlichkeitsstatistik bei weniger als drei Minuten Verspätung als pünktlich. Bei der Anschlusspünktlichkeit geht es darum, ob die notwendige Umsteigezeit gewährleistet ist. Solche Kennzahlen prüfen die Einhaltung des Angebots. Die ETH-Frage betrifft dagegen, wie günstig dieses Angebot zeitlich konstruiert ist.
Beide Perspektiven werden gebraucht. Kurze Anschlüsse können die planmässige Reise beschleunigen, während Reisende zugleich eine verlässliche Umsteigemöglichkeit benötigen. Eine Prozentzahl allein beschreibt diese Qualität nicht vollständig. Für den individuellen Reiseentscheid zählen auch Gepäck, Orientierung im Bahnhof und die nächste Verbindung, falls etwas schiefgeht.
Neue Strecken und bessere Abstimmung
Der wissenschaftliche Artikel untersucht neben der bestehenden Situation auch Infrastrukturvorhaben und langfristige Szenarien. Sein Nutzen liegt darin, Investitionen und Fahrplankoordinierung gemeinsam zu betrachten. Ein Ausbauprojekt kann Fahrzeit sparen; internationale Abstimmung entscheidet mit darüber, ob dieser Gewinn bis zum Ziel durchgereicht wird oder beim nächsten Umstieg wieder verloren geht.
Daraus folgt keine einfache Rangliste, nach der neue Gleise unnötig wären. Ebenso wenig lässt sich aus einer europaweiten Modellrechnung die Ursache einer konkreten Wochenendsperrung ableiten. Baustellenbetrieb, langfristige Netzplanung und die tägliche Zuverlässigkeit sind unterschiedliche Aufgaben. Sie wirken für die Reisenden lediglich auf dieselbe Grösse: die Ankunftszeit.
Vor dem Aufbruch die ganze Reise ansehen
Für dieses Wochenende empfiehlt sich deshalb ein Blick über die erste Zugnummer hinaus. Stimmen alle Umstiege? Wo beginnt der Ersatzbusabschnitt? Passt die Rückreise noch zum geplanten Aufenthalt? Eine früher gespeicherte Verbindung sollte erneut geprüft werden. Wer am Ziel einen festen Termin hat, sollte seine Planung nicht allein auf den gewohnten Fahrplan stützen.
Die längerfristige Lehre reicht über die Baustelle hinaus. Eine attraktive Bahnreise entsteht nicht nur dort, wo Züge besonders schnell fahren. Sie entsteht auch dort, wo Verbindungen zusammenpassen. Am Perron merkt man diesen Unterschied oft deutlicher als an jeder Höchstgeschwindigkeit.
Quellen
SBB: Bauarbeiten und Fahrplanänderungen Europa · ETH Zürich: Studie zur Fahrplankoordination · Originalstudie: Journal of Transport Geography · SBB: Definitionen zur Pünktlichkeit


