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Ein blaues Modell eines alpinen Tals steht in einem Forschungslabor.
JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild
WissenschaftAnalyse20:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Blatten im Labor: Warum eine genaue Rekonstruktion noch keine Vorhersage ist

Neue seismische Analysen und ein gedrucktes Talmodell helfen, den Bergsturz zu verstehen. Die Grenzen der Erkenntnis sind Teil des Ergebnisses.

Ein Bergsturz hinterlässt eine Landschaft, die sich vermessen lässt. Schwieriger ist die Frage, wie sich die Masse während des Ereignisses bewegte. Genau dort setzen neue Arbeiten zum Fels- und Eissturz von Blatten an. Sie verbinden die sichtbaren Spuren im Gelände mit Erschütterungen, die Messgeräte während des Geschehens aufgezeichnet haben.

Die am 7. September 2026 in Communications Earth & Environment publizierte Studie untersucht den Absturz vom 28. Mai 2025. Damals wurden nach ihrer Schätzung rund 9,3 Millionen Kubikmeter Material mobilisiert. Die Zahl beschreibt das gesamte Ereignis; sie darf nicht mit kleineren Teilmengen vorheriger Felsstürze verwechselt werden. Neu ist vor allem die Verbindung verschiedener Beobachtungen zu einer Rekonstruktion des Ablaufs.

Der Boden bewahrt eine Bewegungsspur

Die Forschungsanstalt WSL erläuterte die Arbeit am 15. September. Ein Seismometer auf der Lauchernalp erfasste in den zwei Wochen vor dem Hauptereignis ungefähr 700 kleinere Ereignisse. Weiter entfernte Stationen lieferten Daten für die Analyse des grossen Absturzes. Solche Aufzeichnungen enthalten mehr als die Information, dass sich irgendwo etwas bewegt hat.

Aus den Signalen lassen sich Kräfte und deren zeitliche Veränderung erschliessen. Damit erhalten Forschende eine zusätzliche Möglichkeit, ihre Berechnungen zu überprüfen. Ein Modell soll nicht nur am Ende eine ähnlich verteilte Schuttmasse erzeugen. Es soll möglichst auch zu den während der Bewegung gemessenen Signalen passen. Das ist eine strengere Prüfung als der alleinige Vergleich des Schlussbildes.

Die Unterscheidung lässt sich mit einer einfachen Überlegung erklären: Verschiedene Abläufe können ein ähnliches Endergebnis hinterlassen. Wer zusätzlich eine Bewegungsspur besitzt, kann einige dieser Möglichkeiten ausschliessen. Die Rekonstruktion wird dadurch besser eingegrenzt, ohne dass jede Einzelheit direkt beobachtet worden wäre.

Ein Messgerät steht auf Fels in einer alpinen Landschaft.
Symbol für die seismische Überwachung; kein tatsächlicher Messstandort bei Blatten. KI-generiertes Symbolbild. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Was die Studie offenlässt

Ein zentrales Resultat ist die stark verminderte wirksame Reibung, die die verwendeten Modelle benötigen, um Beobachtungen und Ablagerungen nachzubilden. Für die physikalische Erklärung nennt das Autorenteam um Jiahui Kang mehrere Möglichkeiten. Die geotechnischen Befunde passen zu einem möglichen Beitrag erhöhten Wasserdrucks in den Poren. Andere Mechanismen, etwa die Rolle von Eis, Entmischung oder Zertrümmerung, lassen sich damit nicht ausschliessen.

Das ist keine Nebensächlichkeit. «Geringe Reibung ist erforderlich» und «dieser eine Prozess hat die geringe Reibung verursacht» sind unterschiedliche Aussagen. Die erste wird durch den Modellvergleich gestützt. Die zweite wäre stärker, als es die Untersuchung erlaubt. Gerade bei Naturgefahren ist es wichtig, eine plausible Erklärung nicht als abschliessend bewiesene Ursache auszugeben.

Ein Tal aus dem Drucker

Eine weitere Perspektive bietet ein am 8. September vorgestelltes ETH-Projekt. Das Team um Johan Gaume baute ein physisches Geländemodell im Massstab 1:577. Es besteht aus 56 gedruckten Teilen und beansprucht ungefähr zwölf Quadratmeter. Wegen der räumlichen Bedingungen wurde die Landschaft spiegelverkehrt angeordnet. Es handelt sich um ein Versuchswerkzeug, nicht um ein Ausstellungsmodell mit Anspruch auf unveränderte Ansicht.

Im Labor können Materialien und Bedingungen kontrolliert variiert werden. Wasser, Sand und Ton helfen dabei, ausgewählte Prozesse zu untersuchen und Computermodelle zu prüfen. Der Vorteil liegt in der Wiederholbarkeit: Ein Versuch lässt sich mit veränderten Voraussetzungen nochmals durchführen. Die reale Katastrophe lässt sich weder wiederholen noch nachträglich mit zusätzlichen Messgeräten ausstatten.

Ein verkleinertes Modell ist allerdings nicht einfach ein kleiner Bergsturz mit allen Eigenschaften des Originals. Die Forschenden müssen entscheiden, welche physikalischen Zusammenhänge abgebildet werden sollen. Gerade deshalb ergänzen sich Labor, Gelände und numerische Berechnung. Keine dieser Perspektiven ersetzt die anderen vollständig.

Verstehen ist ein Schritt, keine Garantie

Für die Schweiz ist der Erkenntnisgewinn praktisch relevant: Bessere Modelle können helfen, mögliche Ausbreitungen von Massenbewegungen fundierter zu beurteilen. Aus der gelungenen Rekonstruktion eines bekannten Ereignisses folgt jedoch noch nicht, dass Zeitpunkt und Ausmass eines künftigen Bergsturzes exakt vorhergesagt werden können. Rückblickend stehen Informationen zur Verfügung, die vor einem Ereignis fehlen können.

Die Stärke der neuen Arbeiten liegt deshalb auch in ihrer Zurückhaltung. Sie machen deutlich, welche Beobachtungen zu welcher Erklärung passen und wo mehrere Möglichkeiten bestehen bleiben. Für den Umgang mit Naturgefahren ist das wertvoller als ein scheinbar lückenloses Versprechen: Entscheidungen müssen mit besserem Wissen getroffen werden, aber weiterhin unter Unsicherheit.

Quellen

Originalstudie: Communications Earth & Environment, 7. September 2026 · WSL: seismische Rekonstruktion, 15. September 2026 · ETH Zürich: Bergsturz aus dem 3D-Drucker, 8. September 2026

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