
451’000 Hitzetote durch El Niño? Was hinter der Prognose steckt
Die Zahl ist kein beobachteter Todesstand, und die zugrunde liegende Methodik ist noch nicht als Fachpublikation erschienen. Sie beschreibt ein modelliertes Risikoszenario.
Das Climate Impact Lab schätzt für den Zeitraum vom Beginn des aktuellen El Niño im Juni 2026 bis Ende Februar 2027 rund 451’000 zusätzliche hitzebedingte Todesfälle gegenüber einem durchschnittlichen Jahr. Für die sechs Monate von September 2026 bis Februar 2027 prognostiziert das Modell davon rund 239’000, mit einer angegebenen Unsicherheit von plus oder minus 11’000. Beide Werte sind Modellschätzungen gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1996 bis 2025 – keine gezählten Todesfälle.
Was die Zahl tatsächlich bedeutet
Das Climate Impact Lab rechnet mit einer bevölkerungsgewichteten Temperaturabweichung über Land von rund 1,2 Grad Celsius gegenüber der im Bericht verwendeten historischen Referenz. Für September 2026 bis Februar 2027 nennt der Bericht 1,16 Grad. Zudem prognostiziert er weltweit 44 Prozent mehr Tage mit extremer Hitze als im Vergleichszeitraum.
Aus diesen Temperaturannahmen leitet das Team zusätzliche hitzebedingte Todesfälle ab. Dafür nutzt es statistische Beziehungen aus 24’378 Regionen. Die Schätzung von 451’000 bezieht sich laut Bericht auf Juni 2026 bis Februar 2027 gegenüber einem durchschnittlichen Jahr von 1996 bis 2025. Für die sechs Monate von September bis Februar weist der Bericht separat rund 239’000 Todesfälle aus, mit einer Unsicherheit von plus oder minus 11’000.
Diese Differenz ist wichtig. Wer nur die grösste Zahl nennt, ohne Zeitraum und Vergleichsbasis anzugeben, vermittelt eine falsche Genauigkeit. Es handelt sich weder um gezählte Todesfälle noch um eine Diagnose für einzelne Länder.
Ein Modell mit noch offenem Prüfstand
Die Berechnung kombiniert ein 51-köpfiges Ensemble saisonaler Temperaturprognosen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen mit empirischen Temperatur-Sterblichkeits-Kurven. Dadurch lassen sich mögliche Folgen unter verschiedenen Wetterverläufen abschätzen.
Die vollständige Methodik soll laut Bericht erst in einer kommenden Fachpublikation erscheinen. Der vorliegende Kurzbericht ist damit noch keine abgeschlossene, unabhängig begutachtete Studie. Das macht die Rechnung nicht wertlos, begrenzt aber, wie sicher einzelne Länderwerte gelesen werden dürfen. Der Klimawissenschaftler Akshay Deoras warnte gegenüber Al Jazeera insbesondere davor, regionale Winterprognosen Monate im Voraus zu präzise zu behandeln.

Warum der Globale Süden stärker betroffen wäre
Für den sechsmonatigen Zeitraum von September bis Februar weist das Modell besonders hohe Belastungen für den Sahel, Teile Afrikas, Süd- und Südostasien sowie Lateinamerika aus. Für den Sahel nennt es rund 66’800 zusätzliche hitzebedingte Todesfälle; auf Länderebene unter anderem Nigeria mit rund 31’400, Indonesien mit 19’300 und Sudan mit etwa 17’500. Solche Werte sind keine amtlichen Prognosen der jeweiligen Staaten.
Der räumliche Schwerpunkt ist dennoch plausibel. In bereits heissen Regionen kann schon eine moderate zusätzliche Erwärmung lebensgefährliche Schwellen überschreiten. Gleichzeitig fehlen vielerorts klimatisierte Räume, stabile Stromversorgung, belastbare Gesundheitssysteme und Frühwarnungen. Menschen, die im Freien arbeiten, ältere Personen, Kleinkinder und chronisch Kranke tragen ein erhöhtes Risiko.
Wohlhabendere Länder sind nicht geschützt, können sich aber häufiger anpassen. Der Bericht nennt Hitzewarnungen, gezielte Gesundheitsansprache, Kühlzentren, Trinkwasserstellen, Arbeitsschutz und zusätzliche Kapazitäten im Gesundheitssystem als mögliche Gegenmassnahmen. Genau diese Anpassung ist in statistischen Modellen schwer vollständig abzubilden: Sie kann sich verbessern, bei Stromausfällen oder Konflikten aber auch versagen.
Was El Niño leistet – und was nicht
El Niño bezeichnet eine periodische Erwärmung des zentralen und östlichen tropischen Pazifiks. Sie verändert atmosphärische Zirkulation und beeinflusst Niederschläge sowie Temperaturen in vielen Regionen. Das Phänomen verursacht jedoch nicht überall dasselbe Wetter. Dürre in einer Region kann gleichzeitig mit Starkregen in einer anderen auftreten.
Auch die langfristige Erderwärmung spielt mit. Ein starkes El-Niño-Ereignis setzt heute auf einem bereits höheren Temperaturniveau auf als vor Jahrzehnten. Welche konkrete Hitzewelle später auf El Niño, den Klimatrend oder lokale Wetterlagen zurückgeht, lässt sich deshalb nicht mit einer einzigen Ursache erklären.
Eine Warnung für die Vorsorge, keine Todesliste
Die Zahl sollte weder als feststehender Todesstand noch als bedeutungslose Modellübung gelesen werden. Sie beschreibt die Grössenordnung, die das Modell unter den derzeit prognostizierten Temperaturbedingungen errechnet. Ihr praktischer Wert liegt weniger in der scheinbaren Präzision einzelner Länderwerte als darin, gefährdete Regionen früh sichtbar zu machen.
Behörden können saisonale Prognosen nutzen, um Hitzeaktionspläne, Trinkwasserversorgung, Arbeitsregeln und Stromreserven vorzubereiten. Ob die befürchtete Sterblichkeit eintritt, hängt gerade davon ab, wie Menschen und Staaten reagieren. Eine Prognose ist hier kein Schicksal, sondern ein Zeitfenster für Prävention.



