
GESDA-Gipfel: Antizipation wird zum Werkzeug der Diplomatie
Der sechste GESDA-Gipfel in Genf zeigt, was wissenschaftliche Vorausschau leisten kann: Sie schafft Optionen für die Politik, ersetzt deren Entscheidungen aber nicht.
Vorausschau ist kein Orakel
Der sechste Gipfel des Geneva Science and Diplomacy Anticipator, kurz GESDA, ist am 15. Oktober in Genf zu Ende gegangen. Laut EDA nahmen während zwei Tagen mehr als tausend Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Diplomatie, Politik, Privatwirtschaft und Philanthropie teil. Im Zentrum stand eine anspruchsvolle Idee: Wissenschaftliche und technologische Veränderungen sollen nicht erst dann politisch verhandelt werden, wenn sie den Alltag bereits umgestalten.
Das klingt selbstverständlich, ist aber in der Praxis ungewohnt. Regulierung reagiert häufig auf konkrete Schäden, Märkte auf bestehende Nachfrage und Diplomatie auf akute Konflikte. GESDA will den Zeithorizont erweitern. Der Science Breakthrough Radar 2027 identifiziert Entwicklungen mit Perspektiven von fünf, zehn und fünfundzwanzig Jahren. Er soll keine Vorhersage einzelner Ereignisse liefern, sondern Themen sichtbar machen, bei denen Forschung, Gesellschaft und Politik rechtzeitig Fragen stellen müssen.
Vom Radar zur Entscheidung
Die Lücke zwischen Erkenntnis und Handeln bleibt der schwierige Teil. Der Gipfel stellte deshalb auch das digitale Instrument Compass vor. Es soll Chancen und Risiken neuer Technologien mit möglichen Handlungsoptionen für Politik, Regulierung und Gouvernanz verbinden. Ob ein solches Werkzeug Entscheidungen besser macht, hängt nicht von seiner Oberfläche ab. Entscheidend ist, wer die Annahmen prüft, welche Interessen beteiligt sind und ob aus der Analyse tatsächlich überprüfbare Schritte folgen.
Für die Wissenschaftsdiplomatie ist genau das der interessante Ansatz. Sie übersetzt Forschung nicht direkt in Gesetzestexte, sondern schafft Gesprächsräume zwischen Disziplinen und Staaten. Bei künstlicher Intelligenz, Neurotechnologie und Weltraum ist das relevant, weil Regeln oft grenzüberschreitend wirken, während Innovation in wenigen Zentren stattfindet. Ein gemeinsames Vokabular kann Konflikte nicht verhindern, aber es kann verhindern, dass Staaten erst reagieren, wenn sich Standards bereits verfestigt haben.
Genf als Standortvorteil
Genf verfügt mit den internationalen Organisationen, Hochschulen und Nichtregierungsorganisationen über eine besondere Infrastruktur für solche Gespräche. Der Standort allein ist jedoch kein Ergebnis. Damit Wissenschaftsdiplomatie glaubwürdig bleibt, muss sie unterschiedliche Perspektiven einbeziehen: Forschende aus verschiedenen Weltregionen, Staaten mit unterschiedlichen Ressourcen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Sonst wird Antizipation zum Gespräch einiger weniger über die Zukunft vieler.
Das EDA betont, dass der neue Radar auf Zeithorizonte bis zu 25 Jahren schaut. Daraus folgt eine methodische Pflicht zur Bescheidenheit. Je weiter der Blick reicht, desto grösser die Unsicherheit. Gute Vorausschau liefert daher keine Gewissheit, sondern alternative Entwicklungen, erkennbare Annahmen und Optionen. Wer sie als Technikversprechen verkauft, verfehlt ihren Zweck.
Öffentliche Debatte gehört dazu
GESDA und die EPFL stellten zudem ein öffentliches Portal vor, das mögliche wissenschaftliche und technologische Entwicklungen interaktiv erkunden soll. Ein Besuchstag im Bundeshaus am 24. Oktober soll diese Debatte über Genf hinaus öffnen. Das ist wichtig, denn die gesellschaftlichen Folgen neuer Technologien sind nicht bloss Expertenfragen. Sie betreffen Gesundheitsversorgung, Arbeitswelt, Sicherheit und Verteilung von Chancen und Risiken.
Für die Schweiz ist Antizipation damit ein Teil ihrer Rolle als Gastgeberin internationaler Zusammenarbeit. Der Mehrwert entsteht nicht durch einen besonders futuristischen Ton, sondern durch bessere Entscheidungen im Hier und Jetzt. Der GESDA-Gipfel liefert Instrumente und Kontakte. Ob daraus tragfähige Regeln werden, wird sich an konkreten Folgearbeiten messen lassen.



