Religionslandschaft Schweiz: Konfessionslose sind grösste Gruppe
Seit 1970 ist der Anteil der Menschen ohne Religionszugehörigkeit von 1 auf rund 36 Prozent gestiegen. Die BFS-Daten zeigen zugleich: Zugehörigkeit, Glaube und Praxis sind nicht dasselbe.

1970 war die religiöse Landschaft der Schweiz fast zweigeteilt. Rund 49 Prozent der Bevölkerung waren reformiert, etwa 47 Prozent römisch-katholisch. Nur rund ein Prozent gab keine Religionszugehörigkeit an. Gut fünf Jahrzehnte später ist aus der konfessionell geprägten Schweiz eine deutlich säkularere und vielfältigere Gesellschaft geworden.
Die jüngste Übersicht des Bundesamts für Statistik (BFS) verbindet Volkszählungen, Strukturerhebung und die Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur. Sie zeigt für 2023: 31 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren gehörten der römisch-katholischen Kirche an, 19 Prozent einer evangelisch-reformierten Landeskirche und rund 36 Prozent keiner Religion. Weitere christliche Gemeinschaften kamen auf 6 Prozent; muslimische und aus dem Islam hervorgegangene Gemeinschaften ebenfalls auf 6 Prozent.
Der grösste Wandel liegt ausserhalb der Kirchen
Die auffälligste Verschiebung ist der Aufstieg der Menschen ohne Religionszugehörigkeit. Ihr Anteil wuchs von rund einem Prozent 1970 auf elf Prozent im Jahr 2000 und auf rund 36 Prozent 2023. Seit 2022 ist diese Gruppe grösser als die römisch-katholische Bevölkerung.
Gleichzeitig schrumpften die beiden grossen Landeskirchen unterschiedlich stark. Das BFS beziffert den Rückgang der katholischen Gemeinschaft über rund fünf Jahrzehnte auf gut ein Drittel. Die reformierte Gemeinschaft verlor rund 60 Prozent ihres früheren Anteils. Das ist mehr als eine Serie von Kirchenaustritten: Auch Generationenwechsel, Zuwanderung und die Weitergabe religiöser Zugehörigkeit in Familien prägen die langfristige Struktur.
Die Daten belegen den Wandel, aber nicht für jede mögliche Erklärung eine Ursache. Wer einer Kirche den Rücken kehrt, tut dies aus unterschiedlichen Gründen. In der BFS-Erhebung 2024 nannten Menschen, die ihre Religion aufgegeben hatten, am häufigsten fehlenden oder verlorenen Glauben (28 Prozent) und die Ablehnung von Stellungnahmen ihrer Religionsgemeinschaft (26 Prozent). Steuern oder finanzielle Beiträge nannten 12 Prozent.

Pluralisierung ist mehr als Säkularisierung
Während die Landeskirchen Anteile verlieren, wächst nicht nur die Gruppe ohne Religion. Muslimische Gemeinschaften stiegen laut BFS von 0,2 Prozent 1970 auf 4 Prozent 2000 und rund 6 Prozent heute. Andere christliche und weitere Religionsgemeinschaften ergänzen das Bild. Die Schweiz wird deshalb gleichzeitig säkularer und pluraler.
Diese Entwicklung ist für Politik und Institutionen relevant. Öffentlich-rechtliche Anerkennung, Religionsunterricht, Seelsorge in Spitälern und Gefängnissen oder die Nutzung religiöser Gebäude wurden lange in einem Umfeld gestaltet, das von zwei grossen Kirchen dominiert war. Sinkende Mitgliederanteile lösen diese Fragen nicht automatisch, verändern aber die Gewichte.
Zugehörigkeit ist nicht dasselbe wie Glaube
Die Statistik darf nicht als Glaubensmesser gelesen werden. Eine formale oder selbst angegebene Religionszugehörigkeit sagt wenig darüber aus, wie oft jemand betet, Gottesdienste besucht oder sich spirituell versteht. Umgekehrt können Menschen ohne Religionszugehörigkeit religiöse oder spirituelle Vorstellungen haben.
Das zeigt die Erhebung 2024 deutlich. 49 Prozent der Bevölkerung nahmen in den zwölf Monaten vor der Befragung nie an einem Gottesdienst oder einer religiösen Veranstaltung teil; 2019 waren es 34 Prozent. Gleichzeitig bezeichneten sich 2024 insgesamt 53 Prozent als religiös, spirituell oder beides. 47 Prozent verstanden sich als weder religiös noch spirituell.
Auch innerhalb der Religionsgruppen sind die Unterschiede gross. Alter, persönliche Biografie und Migrationsgeschichte hängen mit Praxis und Zugehörigkeit zusammen. Solche Zusammenhänge dürfen jedoch nicht als einfache Ursache behandelt werden.
Ein Bruch in der Messmethode
Der lange Vergleich hat eine methodische Grenze. Bis 2000 stützen sich die Werte auf Volkszählungen; seit 2010 stammen sie aus Stichproben der Strukturerhebung und beziehen sich auf die ständige Wohnbevölkerung ab 15 Jahren in Privathaushalten. Kleine Veränderungen sind deshalb weniger belastbar als der jahrzehntelange Trend.
Dieser Trend ist eindeutig: Die religiöse Zugehörigkeit verliert als selbstverständliches Merkmal an Bedeutung, während das Spektrum der Lebenshaltungen breiter wird. Für Kirchen und Staat folgt daraus keine einzige politische Antwort. Die Daten verlangen vielmehr, Zugehörigkeit, Glauben und gesellschaftliche Rolle künftig genauer auseinanderzuhalten.


