
54 Prozent Selbstversorgung und 21 Zuckerwürfel: Was die Lebensmittelstatistik zeigt
Die BFS-Taschenstatistik verbindet Landwirtschaft, Industrie, Handel und Konsum. Sie macht Abhängigkeiten sichtbar – mischt aber Datenjahre und lässt Machtfragen offen.
Die Schweizer Lebensmittelkette reicht vom Landwirtschaftsbetrieb über Industrie, Grosshandel und Detailhandel bis zur Gastronomie. Die neue Taschenstatistik des Bundesamts für Statistik verdichtet diese komplexe Struktur auf zehn Seiten. Gerade ihre kompakten Zahlen zeigen, wo die Schweiz stark abhängig bleibt – und wo eine scheinbar einfache Kennzahl mehr verdeckt als erklärt.
Zehn Prozent der Beschäftigten arbeiten in der Kette
Für 2023 weist die Publikation 47 600 landwirtschaftliche Arbeitsstätten mit 147 600 Beschäftigten aus. Hinzu kommen rund 5 500 Betriebe der Lebensmittelindustrie mit 89 300 Beschäftigten, 3 100 Grosshandelsbetriebe mit 35 800 sowie 11 900 Verkaufsstellen des Lebensmitteldetailhandels mit 104 200 Beschäftigten. Restaurants und ähnliche Betriebe beschäftigten 186 000 Personen an 26 400 Arbeitsstätten.
Zusammengenommen arbeitet ungefähr jede zehnte erwerbstätige Person in der Schweiz in einem Abschnitt der Lebensmittelkette. Das macht Ernährung nicht nur zu einer Konsumfrage, sondern zu einem bedeutenden Arbeitsmarkt. Die Taschenstatistik zeigt zugleich, wie ungleich die Stufen organisiert sind: Viele kleine Landwirtschaftsbetriebe stehen einer stärker konzentrierten Verarbeitung und Distribution gegenüber.
Selbstversorgung ist je nach Produkt sehr verschieden
Der durchschnittliche Selbstversorgungsgrad lag 2023 bei 53,7 Prozent. Diese Zahl ist politisch eingängig, aber nur begrenzt aussagekräftig. Bei Milch lag der Wert bei 112,5 Prozent, bei Fleisch bei 85,7 Prozent, bei Fisch dagegen bei lediglich 2,5 Prozent. Die Schweiz produziert also bei einzelnen Kategorien mehr als der Binnenmarkt verbraucht und ist bei anderen fast vollständig auf Importe angewiesen.
Auch der Gesamtwert darf nicht mit Unabhängigkeit verwechselt werden. Landwirtschaft benötigt importierte Futtermittel, Dünger, Energie, Maschinen und Vorleistungen. Zudem sagt der Selbstversorgungsgrad wenig darüber aus, ob Produkte saisonal verfügbar sind, zu welchen Preisen sie angeboten werden oder wie widerstandsfähig Transport- und Verarbeitungskapazitäten in einer Krise wären.
Bei der Ernährungsinitiative geht es ausdrücklich um den Netto-Selbstversorgungsgrad. Er berücksichtigt importiertes Futter und ist daher nicht mit der hier genannten Gesamtquote gleichzusetzen. Unser Hintergrund zur Ernährungsinitiative erklärt, was das Ziel von 70 Prozent für die Schweiz bedeuten würde.

Handel verbindet Versorgung und Wertschöpfung
2023 importierte die Schweiz Lebensmittel im Wert von 13,5 Milliarden Franken und exportierte solche für 9,6 Milliarden Franken. Für Früchte und Gemüse allein verzeichnet die Statistik 2024 Einfuhren von 2,925 Milliarden Franken, aber Ausfuhren von nur 98 Millionen Franken. Das Defizit ist kein Beweis für ein Versagen der Landwirtschaft: Klima, Fläche, Saison und Konsumwünsche setzen natürliche Grenzen.
Die Zahlen verdeutlichen vielmehr, dass Versorgungssicherheit aus zwei Säulen besteht. Inlandproduktion schafft eine eigene Basis; verlässliche Handelsbeziehungen füllen Lücken und erhöhen die Vielfalt. Werden Importe pauschal als Schwäche behandelt, geraten Spezialisierung und Exporterfolge aus dem Blick. Werden sie umgekehrt als jederzeit verfügbar vorausgesetzt, unterschätzt man geopolitische, klimatische und logistische Risiken.
Zuckerzahl fällt auf – erklärt aber nicht alles
Besonders anschaulich ist der ausgewiesene Verbrauch von 30,1 Kilogramm Zucker pro Person im Jahr 2023. Das entspricht rechnerisch etwa 21 Würfelzuckern pro Tag. Die Kennzahl beschreibt die verfügbare beziehungsweise verbrauchte Menge in der Statistik; sie ist keine direkte Messung dessen, was jede einzelne Person tatsächlich isst. Verluste, industrielle Verwendung und grosse Unterschiede zwischen Haushalten lassen sich daraus nicht ablesen.
Trotzdem macht die Zahl einen gesundheitspolitisch relevanten Umfang sichtbar. Für Prävention genügt es aber nicht, nur Konsumentinnen und Konsumenten zu ermahnen. Rezepturen, Portionsgrössen, Werbung und verständliche Deklarationen bestimmen mit, wie viel Zucker im Alltag aufgenommen wird.
Die grösste Lücke liegt zwischen den Jahren
Die Ausgabe trägt die Jahreszahl 2025, kombiniert aber Angaben aus 2022, 2023 und 2024. Das ist bei amtlichen Statistiken wegen unterschiedlicher Erhebungs- und Publikationszyklen üblich. Wer Entwicklungen beurteilen will, darf die Werte dennoch nicht so lesen, als beschrieben sie alle denselben Zeitpunkt.
Nur teilweise sichtbar werden ausserdem Marktmacht, Margen entlang der Kette, Lebensmittelverluste und die Verteilung von Risiken. Die Landwirtschaft verursachte 2023 laut BFS rund 21 Prozent der wirtschaftsbedingten Treibhausgasemissionen; wie Kosten und Erträge zwischen Produktion, Verarbeitung und Handel verteilt sind, zeigt die Taschenstatistik dagegen kaum.
Ihr Wert liegt deshalb weniger in einer einzigen Schlagzeile als in der Landkarte, die sie bietet. Sie macht Abhängigkeiten vergleichbar – und zeigt zugleich, welche Fragen eine kompakte Zahlensammlung offenlassen muss.


