
SNB und neue Geldformen: Warum zuerst die Infrastruktur zählt
Die SNB diskutiert neue Geldformen vor allem als Frage der Infrastruktur: Was braucht der Finanzplatz, ohne Vertrauen, Datenschutz und Stabilität zu gefährden?
Geld ist mehr als eine App
Wenn von neuen Geldformen die Rede ist, denken viele zuerst an eine digitale Währung für den Alltag. Die Debatte der Schweizerischen Nationalbank ist enger und zugleich grundsätzlicher: Welche Form von Zentralbankgeld braucht das Finanzsystem, damit Zahlungen, Wertschriftenabwicklung und Geldpolitik auch im digitalen Umfeld verlässlich funktionieren?
Dabei geht es nicht um die baldige Abschaffung von Bargeld. Bargeld bleibt Zentralbankgeld für die Öffentlichkeit. Eine digitale Form könnte je nach Ausgestaltung ganz andere Nutzer haben: Banken, Finanzmarktinfrastrukturen oder in einem späteren Schritt auch Privathaushalte.
Wholesale und Retail nicht verwechseln
Die wichtigste Unterscheidung lautet zwischen Wholesale- und Retail-CBDC. Wholesale-Zentralbankgeld wäre für Finanzinstitute bestimmt und könnte bei der Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte eine Rolle spielen. Eine Retail-CBDC wäre für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Beide Varianten werfen unterschiedliche Fragen auf.
Bei der Retail-Variante geht es um Datenschutz, Zugang für alle, die Rolle der Banken und die Gefahr, dass in Krisen rasch Guthaben von Banken zur Zentralbank verschoben werden. Wholesale-Lösungen betreffen dagegen vor allem die Sicherheit und Effizienz von Finanzmarktprozessen. Sie sind weniger sichtbar, können aber für die Stabilität wichtiger sein.
Die SNB testet, bevor sie festlegt
Die SNB hat mit dem Projekt Helvetia und weiteren Versuchen Erfahrungen mit digitalem Zentralbankgeld für regulierte Finanzinstitute gesammelt. Ein Pilot ist jedoch keine politische Zusage für ein dauerhaftes Produkt. Gerade bei Geldinfrastruktur ist diese Vorsicht sinnvoll: Technische Machbarkeit beantwortet noch nicht die Fragen nach Rechtsgrundlage, Governance, Cyberresilienz und den Folgen für Banken und Kundschaft.

Stablecoins ändern die Ausgangslage
Neben Zentralbankgeld entstehen privat ausgegebene digitale Zahlungsmittel, insbesondere Stablecoins. Ihre Stabilität hängt nicht vom Namen ab, sondern von Reserven, rechtlichen Ansprüchen und Aufsicht. Für die Schweiz als Finanzplatz ist entscheidend, dass Zahlungsversprechen auch unter Stress einlösbar bleiben und dass Geldwäschereirisiken kontrolliert werden.
Die einfache Erzählung «digital gleich effizienter» reicht deshalb nicht. Ein schnelleres Zahlungssystem kann neue Konzentrationsrisiken schaffen; ein programmierbares System kann nützlich sein, aber Datenschutzfragen verschärfen.
Was für Nutzerinnen und Nutzer gleich bleibt
Für die breite Öffentlichkeit ist entscheidend, dass eine Diskussion über digitales Zentralbankgeld keine Ankündigung neuer Pflichten oder einer unmittelbaren Umstellung ist. Kontoguthaben bei Banken bleiben privates Bankengeld; Bargeld bleibt ein gesetzlich verankertes Zahlungsmittel. Eine allfällige neue Infrastruktur müsste ihren Mehrwert erst gegenüber bestehenden, sicheren und weit verbreiteten Zahlungsmöglichkeiten beweisen.
Auch für den Finanzplatz gilt: Interoperabilität und robuste Abwicklung sind wichtiger als eine technisch spektakuläre Einzellösung. Eine neue Geldform wäre nur dann ein Fortschritt, wenn sie Ausfälle, Betrug und Abwicklungsrisiken nicht verlagert, sondern nachweislich beherrscht.
Die offene strategische Frage
Die SNB gestaltet die Zukunft des Geldes nicht allein. Gesetzgeber, Banken, Fintechs und internationale Standardsetzer prägen die Regeln mit. Ihre Aufgabe ist es, zu prüfen, wo Zentralbankgeld eine öffentliche Infrastrukturleistung verbessert – und wo private Innovation unter klarer Aufsicht genügt.
Der Erfolg wird nicht daran zu messen sein, ob die Schweiz möglichst rasch eine digitale Währung lanciert. Entscheidend ist, ob auch in einer tokenisierten Finanzwelt Vertrauen, Liquidität und Zugang verlässlich bleiben.



