
Strasse von Hormus: Warum Pipelines den Engpass nicht auflösen – und was das für die Schweiz bedeutet
Saudi-Arabien und die VAE können Öl umleiten. Doch ihre Ausweichrouten reichen nicht annähernd für die Mengen durch die Meerenge.
Wenn von der Strasse von Hormus die Rede ist, geht es nicht um eine einzelne Seeroute, die sich bei Bedarf problemlos umgehen lässt. Die Meerenge verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist ein zentraler Knoten für Öl und Flüssiggas. Pipelines in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten können zwar einen Teil der Rohölmenge an andere Häfen bringen. Sie sind aber keine vollständige Ersatzlösung.
Die Dimension zeigt der Vergleich: Im Jahr 2025 wurden laut Internationaler Energieagentur im Durchschnitt fast 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag durch Hormus transportiert. Das entsprach rund einem Viertel des weltweiten seegestützten Ölhandels. Für alternative Routen über Saudi-Arabien zum Roten Meer und über die VAE zum Hafen Fujairah schätzt die IEA die verfügbare Kapazität auf 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Selbst am oberen Ende bleibt damit der grössere Teil der früheren Menge ohne gleichwertige Umleitungsmöglichkeit.
Die Lücke ist mehr als eine Rechenaufgabe. Häfen an den Ausweichrouten müssen die zusätzlichen Mengen abfertigen, Tanker müssen anders disponiert werden, und die Lieferketten müssen unter Belastung funktionieren. Die IEA weist ausdrücklich darauf hin, dass die Logistik für eine grossflächige Umleitung nicht robust getestet ist. Dazu kommt: Die iranische Jask-Route ist nach Einschätzung der IEA derzeit keine tragfähige Exportalternative.

Noch schwieriger ist die Lage beim Gas. Fast sämtliche LNG-Exporte aus Katar und den VAE passieren Hormus. Sie machten 2025 knapp ein Fünftel des weltweiten Flüssiggas-Handels aus. Eine Rohölpipeline kann diese Mengen nicht ersetzen. Auch bei raffinierten Produkten wie Benzin, Diesel oder Kerosin sind Tanker und spezialisierte Infrastruktur unverzichtbar. Deshalb kann ein Engpass in Hormus weltweit auf Energiepreise, Transportkosten und Lieferketten wirken, selbst wenn ein grosser Teil der direkten Ölströme nach Asien geht.
Was bedeutet das für die Schweiz? Die Wirtschaftliche Landesversorgung meldete am 30. September, der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus sei weiterhin eingeschränkt. Für Oktober sei die Warenverfügbarkeit bei Mineralölprodukten zwar gesichert. Benzin und Diesel beurteilte der Bund jedoch als angespannt beziehungsweise sehr angespannt; bei Flugpetrol könne sich die Lage ab Mitte Oktober zuspitzen. Diese Aussagen sind eine Momentaufnahme, keine Prognose für die kommenden Monate.
Für Haushalte ist der wichtigste Unterschied: Eine gesicherte Versorgung bedeutet nicht zwingend stabile Preise. Pflichtlager sollen bei einer schweren Störung physische Mengen auf den Markt bringen. Sie werden aber grundsätzlich über die normalen Handelswege und zu aktuellen Marktpreisen abgegeben. Wer ein Auto nutzt, Heizöl bestellt oder eine Flugreise plant, kann deshalb Preisschwankungen spüren, ohne dass an der Tankstelle sofort ein Mangel herrscht.
Panik ist trotzdem fehl am Platz. Der Bund hält Reserven vor, Importe reissen in einer Krise nicht automatisch vollständig ab, und bei Knappheit sinkt erfahrungsgemäss auch der Verbrauch. Sachlich ist jedoch: Pipelines sind ein Puffer, keine Rettungsleine für alle Ausfälle. Für die Schweiz zählt deshalb nicht nur, ob irgendwo eine Leitung existiert, sondern ob die globalen Transportwege, Häfen und Energiemärkte insgesamt wieder verlässlich funktionieren.