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Washington, Shanghai, ein Containerhafen, Halbleiter und Rohstoffe symbolisieren den USA-China-Wettbewerb.
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Internationale PolitikAnalyse19:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

Xi in Washington: Wo China seit 2015 an Macht gewonnen hat

Beim ersten Staatsbesuch seit 2015 trifft Xi Jinping auf ein verändertes Kräfteverhältnis. China dominiert wichtige Lieferketten; die USA behalten Dollar-, Technologie- und Bündnisvorteile.

Xi in Washington: Am 24. September ist Chinas Staatschef zu seinem ersten US-Staatsbesuch seit 2015 im Weissen Haus empfangen worden. Es ist nicht sein erster Aufenthalt in den Vereinigten Staaten seit damals – 2023 nahm er am APEC-Gipfel in Kalifornien teil –, aber der erste Besuch mit den protokollarischen Formen eines Staatsbesuchs seit der Reise zu Barack Obama.

Seit 2015 hat sich das Verhältnis tiefgreifend verändert. Aus wirtschaftlicher Verflechtung wurde ein strategischer Wettbewerb um Halbleiter, Rohstoffe, Lieferketten, Zölle und militärischen Einfluss. China hat starke industrielle Hebel aufgebaut. Die USA verfügen weiterhin über die wichtigste Reservewährung, tiefe Kapitalmärkte, ein dichtes Netz von Vertragspartnern und führende Unternehmen in zentralen Technologiefeldern.

Chinas stärkster Hebel liegt in Lieferketten

Besonders sichtbar ist Chinas Machtzuwachs bei den seltenen Erden, die für Elektromotoren, Windkraftanlagen, Elektronik, Rechenzentren und Rüstung benötigt werden. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur entfielen 2024 rund 60 Prozent der weltweiten Förderung magnetischer seltener Erden auf China. Bei der Raffination lag der Anteil bei 91 Prozent, bei gesinterten Permanentmagneten bei 94 Prozent.

Die IEA zeigt auch die Entwicklung hinter diesen Momentaufnahmen: Die Nachfrage nach magnetischen seltenen Erden hat sich seit 2015 verdoppelt. Chinas Anteil an gesinterten Permanentmagneten stieg von ungefähr 50 Prozent im Jahr 2005 auf 94 Prozent im Jahr 2024. Die Kontrolle über Verarbeitung und Magnetproduktion ist politisch bedeutsamer als der reine Rohstoffbesitz. Sie kann Lieferzeiten, Kosten und Verfügbarkeit in mehreren Schlüsselindustrien beeinflussen.

Andere Staaten bauen neue Minen und Fabriken auf. Nach der IEA bleibt der Ausbau ausserhalb Chinas aber ungleich: Bei Raffination, Metallisierung und Magnetfertigung entstehen deutlich weniger Kapazitäten als bei neuen Minen. Exportkontrollen werden damit zu einem Verhandlungsinstrument, während die Diversifizierung Jahre benötigt.

Häfen, Halbleiter, Seltene Erden und Finanzkurven stehen symbolisch für den Wettbewerb zwischen China und den USA.
Chinas Hebel liegen vor allem in Industrie und kritischen Lieferketten; die USA dominieren weiterhin zentrale Finanz- und Technologiebereiche. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Industriebreite statt nur billiger Produktion

China ist längst nicht mehr bloss Werkbank für einfache Konsumgüter. Das Land produziert Maschinen, Batterien, Solarmodule, Fahrzeuge, Elektronik und zunehmend hochwertige Industriekomponenten. Nach den jüngsten Weltbank-Daten erreichte die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes 2025 rund 4,76 Billionen Dollar. Das entsprach knapp 26 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung.

Die Zahl misst Wertschöpfung zu laufenden Preisen und beweist für sich allein keinen technologischen Vorsprung. Sie zeigt aber die industrielle Grössenordnung und ein dichtes Zuliefernetz, das sich nicht kurzfristig verlagern lässt.

Gleichzeitig entstehen Verwundbarkeiten. Chinas Wachstum hat sich verlangsamt, der Immobiliensektor belastet Haushalte und lokale Finanzen, und die Bevölkerung altert. Exportüberschüsse führen zu politischen Gegenreaktionen. Neue Zölle und Investitionskontrollen können chinesische Unternehmen aus Märkten drängen, auch wenn sie deren Kostenposition nicht sofort beseitigen.

Der Dollar bleibt ein amerikanischer Systemvorteil

Der US-Dollar ist weiterhin die zentrale Reservewährung. Laut IWF betrug sein Anteil an den ausgewiesenen weltweiten Devisenreserven im ersten Quartal 2026 57,13 Prozent, nach 56,42 Prozent im Schlussquartal 2025. Die frühere Formulierung von dauerhaft 58 bis 59 Prozent wäre damit zu hoch gewesen.

Dabei ist die Definition wichtig: Die COFER-Statistik erfasst Devisenreserven und schliesst Gold aus. Zudem änderte der IWF 2025 seine Darstellung, indem er zuvor nicht zugeordnete Reserven auf die Währungen verteilte. Langfristige Vergleiche müssen diese Methodik berücksichtigen.

Die Dollarrolle verschafft Washington Einfluss auf Zahlungsströme und Sanktionen und ermöglicht eine Finanzierungstiefe, die China nicht erreicht. Hinzu kommen starke Positionen bei Chipdesign, Software, Cloud-Infrastruktur und Produktionsanlagen für fortgeschrittene Halbleiter. US-Exportkontrollen können Chinas Zugang zu bestimmten Technologien begrenzen, treiben Peking aber zugleich zu eigenen Investitionen.

Auch Bündnisse zählen. Die USA können ihre Strategie mit Vertragsalliierten und Technologiepartnern wie Japan, Südkorea und europäischen Staaten koordinieren. China unterhält weitreichende Wirtschaftsbeziehungen, verfügt jedoch über wesentlich weniger formelle militärische Verbündete.

Abhängigkeit bleibt auf beiden Seiten

Das Paradox des Gipfels liegt darin, dass beide Seiten mächtiger und zugleich voneinander abhängig geblieben sind. Amerikanische Unternehmen benötigen chinesische Zulieferer und Marktzugang. China braucht westliche Technologien, Kapital und kaufkräftige Absatzmärkte. Eine vollständige Entkopplung wäre teuer und würde Drittstaaten treffen.

Für die Schweiz ist das unmittelbar relevant. Pharma-, Maschinen- und Präzisionsunternehmen verkaufen in beide Märkte und beziehen Vorprodukte aus globalen Ketten. Exportkontrollen, Gegensanktionen oder neue Zölle können deshalb Verträge, Finanzierung und Compliance direkt beeinflussen.

Bei der Begrüssungszeremonie warb Xi für Kommunikation, Kooperation und regelmässigen militärischen Dialog zur Krisenprävention. Das sind politische Absichtserklärungen. Ob daraus belastbare Regeln für Handel, Exportkontrollen und Krisenkommunikation entstehen, lässt sich erst an den konkreten Ergebnissen des Besuchs beurteilen.

Seit 2015 hat China dort besonders an Macht gewonnen, wo physische Produktion und kritische Materialien zählen. Die USA haben strukturelle Vorteile im Finanzsystem, in ihrem Bündnisnetz und in Teilen der Spitzentechnologie behauptet. Der Staatsbesuch misst deshalb keinen eindeutigen Sieger. Er zeigt, wie viele Druckmittel beide Seiten inzwischen besitzen – und wie teuer eine Fehlkalkulation geworden ist.

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