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Menschen lesen und arbeiten an Tischen einer Bibliothek.
Bibliotheken dienen auch als Lern- und Aufenthaltsorte. KI-generiertes Symbolbild einer fiktiven Bibliothek. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild
LifestyleAnalyse19:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Die Bibliothek öffnet am Sonntag – die Beratung nicht immer

Open Library erweitert den Zugang zu Büchern und Arbeitsplätzen. Das Beispiel Chur zeigt, was ohne Personal möglich ist und wo die Grenzen liegen.

Ein ruhiger Tisch, ein Buch, ein Ort ausserhalb der eigenen Wohnung: Dafür muss eine Bibliothek mehr sein als eine Ausleihtheke. Gerade am Sonntag könnte sie Menschen ansprechen, die während der üblichen Öffnungszeiten arbeiten, lernen oder Angehörige betreuen. Doch zusätzliche Zugangszeiten werfen eine praktische Frage auf: Muss für jede offene Tür auch die gesamte Beratung bereitstehen?

Die Kantonsbibliothek Graubünden in Chur beantwortet diese Frage mit zwei unterschiedlichen Angeboten. Es gibt bediente Zeiten mit Personal. Und es gibt Open Library, den Zugang ausserhalb dieser Zeiten mit einer persönlichen Bibliothekskarte. Damit wird das Gebäude länger nutzbar, ohne dass sämtliche Dienstleistungen ebenso lange verfügbar wären.

Ein bestehendes Publikum, besonders unter Jüngeren

Bibliotheken sind keineswegs nur ein Angebot für eine kleine Gruppe. Nach der Erhebung zum Kulturverhalten des Bundesamts für Statistik besuchten 2024 rund 42 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren eine Bibliothek oder Mediathek. Unter den 15- bis 29-Jährigen waren es rund 60 Prozent. Die BFS-Auswertung unterscheidet dabei auch private Besuche von solchen für Arbeit oder Ausbildung.

Diese Nutzungszwecke können sich überschneiden. Jemand kann für eine Prüfung lernen und später einen Roman ausleihen. Die Bibliothek nur als Bücherlager oder ausschliesslich als Lernsaal zu betrachten, würde diese Mehrfachnutzung übersehen.

Aus den nationalen Besuchszahlen folgt allerdings kein gemessener Bedarf für jede einzelne Sonntagsöffnung. Die Erhebung sagt nicht, wie viele Menschen in einer bestimmten Gemeinde am Sonntag kämen. Dafür müssten Bibliotheken ihre lokale Nutzung beobachten. Sie zeigt aber, dass die Frage der Zugänglichkeit einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung betrifft.

Eine Hand hält eine Bibliothekskarte an ein Lesegerät vor einer Glastür.
Open Library ermöglicht Zugang ausserhalb bedienter Zeiten. KI-generiertes Symbolbild, keine konkrete Zugangsanlage. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Was in Chur am Sonntag möglich ist

Die Kantonsbibliothek Graubünden führte ihr Open-Library-Angebot am 25. Juni 2024 ein. Laut den offiziellen Informationen ist der Zugang täglich von 7 bis 22 Uhr möglich, sonntags durchgehend unbedient. Voraussetzung ist eine gültige persönliche Bibliothekskarte; sie darf nicht weitergegeben werden.

Zugänglich sind unter anderem der Lesesaal und der Freihandbereich. Medien können selbstständig ausgeliehen und zurückgegeben werden. Wer dagegen eine neue Karte benötigt, fachliche Beratung sucht oder Unterstützung bei technischen Problemen braucht, muss die bedienten Zeiten beachten. Auch Magazinbestellungen und weitere Dienstleistungen stehen nicht einfach rund um die Uhr bereit.

Die Bibliothek weist zudem auf Videoüberwachung hin. Der verlängerte Zugang ist also an Regeln und eine bestimmte Organisation gebunden. Für einen konkreten Besuch bleiben die aktuellen Angaben der Einrichtung massgebend, etwa bei besonderen Schliessungen. Open Library bedeutet nicht, dass jedes denkbare Anliegen jederzeit erledigt werden kann.

Zugang ist eine eigene Dienstleistung

Gerade diese Trennung macht das Modell interessant. Wer bereits weiss, welches Buch gesucht ist, oder bloss einen Arbeitsplatz braucht, benötigt nicht bei jedem Besuch Beratung. Für diese Personen kann zusätzliche Gebäudezeit einen unmittelbaren Nutzen haben. Ein anderer Besucher steht vor einer Recherchefrage und ist auf Fachwissen angewiesen.

Beide Bedürfnisse sind legitim. Die Qualität einer Bibliothek lässt sich deshalb weder allein an ihren Öffnungsstunden noch allein an den Stunden mit besetzter Theke ablesen. Entscheidend ist, ob die Angaben verständlich sind und ob Menschen wissen, wann sie welche Hilfe erhalten.

Ein praktischer Prüfstein ist die erste Nutzung. Wenn sich eine Person nur während enger Zeitfenster anmelden kann, hilft eine lange unbediente Öffnung zunächst wenig. Ebenso wichtig sind verständliche Zugangsregeln und eine Umgebung, in der sich unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer zurechtfinden. Das sind Fragen an die Ausgestaltung, keine durch die Besuchsstatistik bereits beantworteten Erfolge.

Ein Sonntag ohne Konsumzwang?

Ein Bibliotheksbesuch kann eine Alternative zu Orten sein, an denen der Aufenthalt mit einer Bestellung verbunden ist. Ob das lokal tatsächlich niedrigschwellig gelingt, hängt von Gebühren, Zugangsbedingungen und dem konkreten Angebot ab. Die Bezeichnung Open Library allein garantiert es nicht.

Das Churer Beispiel zeigt dennoch einen produktiven Weg: Ein öffentlicher Ort kann zusätzliche Zeit anbieten, ohne vorzugeben, dabei sei jede Leistung gleich verfügbar. Für die Sonntagsgestaltung ist das eine kleine, konkrete Erweiterung. Für die Bibliothekspolitik ist es eine grössere Frage: Welche Räume stellt eine Gemeinde ihren Menschen zur Verfügung, wenn der übliche Betrieb Pause macht?

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