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Eine ältere und eine jüngere Frau sitzen bei Tee an einem Küchentisch.
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GesundheitAnalyse16:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Demenz in der Schweiz: 166’300 Betroffene – und noch immer grosse Datenlücken

Vor dem Welt-Alzheimertag lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen. Neue Studien sollen zeigen, was Erkrankte und Angehörige tatsächlich benötigen.

Ein Besuch am Wochenende zeigt nur einen Ausschnitt des Alltags. Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, organisiert häufig weit mehr als diese gemeinsame Stunde. Wie viel Unterstützung dafür nötig ist, lässt sich aus einer nationalen Betroffenenzahl allein nicht ablesen. Vor dem Welt-Alzheimertag am 21. September wird deutlich, wie gross der Abstand zwischen einer bekannten Grössenordnung und dem Wissen über die Versorgung bleibt.

Das Bundesamt für Gesundheit nennt für 2026 schätzungsweise rund 166’300 Menschen mit Demenz in der Schweiz und ungefähr 35’800 Neuerkrankungen pro Jahr. Das sind Schätzungen, keine vollständige Zählung aller diagnostizierten Personen. Die Einschränkung ist wichtig: Eine präzise aussehende Zahl kann sonst mehr Gewissheit vermitteln, als die Datengrundlage erlaubt.

Dieselbe Zahl ist keine zweite Bestätigung

Das BAG verweist für die aktuellen Prävalenzangaben auf Alzheimer Schweiz. Wenn dieselbe Schätzung sowohl bei einer Bundesbehörde als auch bei der Fachorganisation steht, entstehen daraus nicht zwei unabhängige Erhebungen. Die Übereinstimmung zeigt zunächst, dass dieselbe Wissensgrundlage verwendet wird. Für die Einordnung zählt ihre Herkunft, nicht die Anzahl Webseiten, auf denen sie erscheint.

Alzheimer Schweiz geht davon aus, dass Frauen rund zwei Drittel der Betroffenen ausmachen. Etwa 8200 Menschen mit Demenz sind nach den Schätzungen jünger als 65 Jahre. Damit wäre auch die Vorstellung zu eng, die Erkrankung betreffe ausschliesslich Hochaltrige. Aus solchen Bevölkerungswerten lässt sich allerdings kein individuelles Erkrankungsrisiko für eine einzelne Person bestimmen.

Das Problem ist zudem nicht einfach ein völliges Fehlen von Informationen. Das BAG hält fest, dass bislang keine umfassenden systematischen Daten erhoben werden. Vorhandene Gesundheitsstatistiken können dennoch genutzt werden. Eine Obsan-Arbeit zeigt laut Bundesamt, dass sich Betroffene in bestehenden Datenbanken identifizieren und Behandlungsverläufe durch die Verknüpfung von Angaben untersuchen lassen.

Eine ältere Frau geht mit einer Begleiterin auf einem Gartenweg.
Alltagsunterstützung ist ein wichtiger Teil der Betreuung. Die Personen sind fiktiv. KI-generiertes Symbolbild. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Betreuung bleibt in der Zahl unsichtbar

Solche Daten beschreiben vor allem Kontakte mit dem Versorgungssystem. Die Frage, wie sich ein Alltag zu Hause organisieren lässt, reicht darüber hinaus. Welche Hilfe wird gebraucht? Welche Angebote werden genutzt, welche fehlen? Und welche Aufgaben übernehmen Angehörige, ohne dass daraus eine medizinische Behandlung oder eine Rechnung entsteht? Diese Fragen sind für die Planung ebenso wichtig wie die Zahl der Erkrankten.

Alzheimer Schweiz führt deshalb gemeinsam mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zwei nationale Studien durch. Ein Teil aktualisiert die Angehörigenbefragung von 2012 zu Bedürfnissen, Belastungen und Versorgungslücken. Vorgesehen sind zusätzlich Interviews mit Angehörigen und Menschen mit Demenz. Der zweite Teil untersucht die gesellschaftlichen Kosten und aktualisiert die frühere Kostenstudie.

Die öffentlich angebotene Befragung richtet sich an Angehörige, die aktuell eine Person mit Demenz pflegen oder betreuen. Die Projektseite meldet noch keine Ergebnisse und bezeichnet das Vorhaben weiterhin als in Entwicklung. Daraus lassen sich heute weder neue Belastungsquoten noch bereits bewiesene Versorgungslücken in bestimmter Höhe ableiten. Die Untersuchung soll solche Antworten erst liefern.

Die Milliarden stammen aus einem anderen Jahr

Auch bei den Kosten ist die Jahreszahl entscheidend. Die häufig genannten 11,8 Milliarden Franken volkswirtschaftlicher Kosten beziehen sich auf 2017 und stammen aus einer 2019 veröffentlichten Studie. Sie sind keine Rechnung für das laufende Jahr 2026. Das BAG weist zudem darauf hin, dass grössere Kostenstudien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Für politische Diskussionen macht das einen Unterschied. Eine alte Grössenordnung kann die Bedeutung des Problems verdeutlichen. Sie eignet sich aber nicht ohne Weiteres dazu, aktuelle Ausgaben oder einen heutigen Finanzierungsbedarf auf den Franken genau zu beziffern. Eine neue Schätzung muss zeigen, welche Kostenarten erfasst wurden und mit welchen Annahmen sie arbeitet.

Besser wissen, gezielter helfen

Der Bundesrat verabschiedete im November 2025 einen Bericht zur Verbesserung der Finanzierung der Demenzbetreuung. Er behandelt Möglichkeiten, Versorgung und sozialpolitische Instrumente stärker auf Betroffene und Angehörige auszurichten. Damit ist die Aufgabe politisch benannt. Welche konkrete Unterstützung an welchem Ort fehlt, bleibt jedoch eine Frage, die mit möglichst aktuellen Daten beantwortet werden muss.

Für das Wochenende vor dem Aktionstag ist deshalb ein anderer Blick auf die Schlagzeilenzahl angebracht. Hinter ihr stehen sehr unterschiedliche Lebenssituationen. Gute Versorgung beginnt nicht damit, eine Schätzung oft zu wiederholen. Sie beginnt damit, genauer zu verstehen, welche Hilfe Menschen brauchen – und ob diese Hilfe sie tatsächlich erreicht.

Quellen

BAG: Demenz – Zahlen und Fakten · BAG: Datengrundlagen und Versorgungsbericht · Alzheimer Schweiz: Demenz in der Schweiz · Alzheimer Schweiz und ZHAW: neue Doppelstudie · Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Welt-Alzheimertag

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