
Die Kultur wächst in die Breite – nicht in Vollzeitstellen
Die Schweiz zählt über 67’000 Kulturbetriebe. Hinter dem Boom stehen immer kleinere Unternehmen, viel Teilzeit und überdurchschnittlich häufige Selbstständigkeit.
Die Schweizer Kulturwirtschaft wächst – aber vor allem in Form neuer, kleiner Betriebe. Zwischen 2011 und 2022 nahm deren Zahl um 22,7 Prozent auf 67’313 zu. Die Beschäftigung stieg im selben Zeitraum lediglich um 6 Prozent, gemessen in Vollzeitäquivalenten sogar nur um 2 Prozent. Der Kulturbetrieb der Zukunft ist damit statistisch häufiger ein Kleinstunternehmen als ein wachsender Arbeitgeber.
Das widerspricht der verbreiteten Kurzfassung, die Beschäftigung in der Kultur sei insgesamt gesunken. Das Bundesamt für Statistik (BFS) weist einen Zuwachs aus – nur eben einen viel langsameren als bei den Unternehmen. Während ein Kulturbetrieb 2011 im Durchschnitt 4,1 Personen oder 2,9 Vollzeitäquivalente beschäftigte, waren es 2022 noch 3,6 Personen beziehungsweise 2,4 Vollzeitäquivalente.

Viele Gründungen, aber eine tiefere Überlebensrate
Die Kulturwirtschaft ist gründungsfreudig. 2022 lag die Quote neu entstandener Unternehmen bei 9,4 Prozent, gegenüber 7,4 Prozent in der Gesamtwirtschaft. Gleichzeitig überleben neue Kulturbetriebe seltener. Das ist die Kehrseite einer Branche, in der sich Projekte mit wenig Startkapital, aber auch mit dünnen finanziellen Reserven aufbauen lassen.
Die grosse Zahl der Firmen darf deshalb nicht mit einer ebenso grossen Zahl stabiler Arbeitgeber verwechselt werden. Ein Atelier, ein kleines Designbüro, eine freie Theaterproduktion oder ein Ein-Personen-Verlag erscheinen jeweils als Unternehmen. Sie können künstlerisch erfolgreich sein, ohne mehrere Vollzeitstellen zu schaffen.
Die Beschäftigung wächst langsamer als die Gesamtwirtschaft
Der Vergleich mit der gesamten Schweizer Wirtschaft schärft das Bild. Dort nahm die Zahl der Unternehmen von 2011 bis 2022 um 13,4 Prozent zu, also weniger stark als in der Kultur. Beschäftigung und Vollzeitäquivalente stiegen jedoch jeweils um rund 14 Prozent – deutlich kräftiger als im Kulturbereich. Die Kultur wächst somit besonders stark in die Breite, nicht in die betriebliche Tiefe.
2024 arbeiteten laut BFS rund 295’000 Menschen kulturell. Die Zahl lag 3,5 Prozent höher als im Vorjahr. Ihre Arbeitsrealität unterscheidet sich dennoch klar vom Durchschnitt: 51,9 Prozent waren teilzeitbeschäftigt, gegenüber 38,4 Prozent aller Erwerbstätigen. 14,7 Prozent hatten mehr als eine Stelle; in der Gesamtwirtschaft waren es 8 Prozent. Selbstständig waren 27,7 Prozent, fast doppelt so viele wie insgesamt mit 14,1 Prozent.
Ein hoher Bildungsgrad schützt nicht automatisch vor tieferen Einkommen
58,8 Prozent der Kulturschaffenden verfügen über einen Tertiärabschluss. Im gesamten Arbeitsmarkt sind es 43,8 Prozent. Trotzdem lag der mittlere Bruttojahreslohn 2024 bei 70’000 Franken, gegenüber 74’100 Franken für alle Erwerbstätigen. Das BFS weist ausdrücklich darauf hin, dass Selbstständige in diesem Lohnvergleich fehlen. Gerade weil sie in der Kultur stark vertreten sind, beschreibt die Zahl die wirtschaftliche Lage der Branche nur unvollständig.
Die Daten erlauben keine pauschale Diagnose von Prekarität. Teilzeit kann gewählt, Selbstständigkeit unternehmerisch erfolgreich und Mehrfachbeschäftigung kreativ gewollt sein. Dieselben Formen können aber auch unregelmässige Einkommen, unbezahlte Vorarbeit und Lücken in der sozialen Absicherung bedeuten. Entscheidend ist nicht die Vertragsform allein, sondern ob sie freiwillig, ausreichend bezahlt und dauerhaft tragfähig ist.
«Die Kultur» gibt es wirtschaftlich nicht
Auch innerhalb des Sektors verlaufen die Trends gegensätzlich. Seit 2010 sank die Beschäftigung im Bereich Bücher und Presse um 40,5 Prozent. Bei Museen, historischen Stätten und ähnlichen Einrichtungen stieg sie dagegen um 92,1 Prozent. Digitalisierung, öffentliche Finanzierung, Nachfrage und Geschäftsmodelle treffen die einzelnen Sparten sehr unterschiedlich.
Insgesamt erwirtschaftete die Kulturwirtschaft 2022 eine Bruttowertschöpfung von 16,3 Milliarden Franken, rund 2,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Sie ist damit kein ökonomisches Randphänomen. Doch ihr Beitrag verteilt sich auf viele kleine Einheiten und auf Arbeitsformen, die klassische Firmen- und Lohnstatistiken nur teilweise abbilden.
Die entscheidende Frage liegt hinter der Zahl der Firmen
Für die Kulturpolitik genügt es deshalb nicht, Unternehmensgründungen zu zählen. Aussagekräftiger wäre, wie viele Betriebe nach fünf Jahren noch existieren, welche Einkommen sie ermöglichen und ob aus Projekten verlässliche Erwerbsbiografien werden. Förderprogramme, Vorsorgelösungen und Sozialversicherungen müssen eine Realität berücksichtigen, in der Menschen gleichzeitig angestellt, selbstständig und für mehrere Auftraggeber tätig sein können.
Die Schweiz hat nicht zu wenig kulturelle Initiative. Die 67’313 Betriebe zeigen das Gegenteil. Die offene Frage lautet, wie aus dieser breiten Kreativität mehr tragfähige Arbeit entsteht – ohne ihre Vielfalt in das Modell eines grossen Normalbetriebs zu pressen.



