
Sozialhilfe 2025: Warum die neue Karte keine Sparrangliste ist
Das BFS weist 2,9 Prozent Sozialhilfebeziehende aus. Die Gemeindekarte zeigt regionale Unterschiede, doch Methodenwechsel und verschiedene Bevölkerungsstrukturen begrenzen vorschnelle Vergleiche.
Die Schweiz hat eine neue Sozialhilfekarte – und eine modernisierte Grundlage für die Zahlen dahinter. Das Bundesamt für Statistik veröffentlichte am 27. Oktober 2026 die Ergebnisse für 2025. Landesweit bezogen rund 267 300 Menschen wirtschaftliche Sozialhilfe, die ausgewiesene Quote beträgt 2,9 Prozent. Die interaktive Karte nennt die ungerundete Zahl von 267 263 Personen.
Wer daraus eine Rangliste erfolgreicher und erfolgloser Kantone macht, liest jedoch mehr hinein, als die Darstellung belegt. Schon die räumliche Ebene ist eine andere: Der Ausgangsdatensatz zeigt politische Gemeinden. Für den Kantonsvergleich veröffentlicht das BFS eine eigene Grafik. Beide Perspektiven sind nützlich, aber nicht austauschbar.
Eine grosse Zahl ist nicht automatisch eine hohe Quote
Die Gemeindekarte kombiniert zwei Informationen. Die Grösse der Kreise steht für die Zahl unterstützter Menschen. Ihre Farbe bezeichnet die Sozialhilfequote, also den Anteil an der für die Berechnung herangezogenen Bevölkerung. Ein grosses Zentrum kann deshalb viele Beziehende haben, ohne bei der Quote an der Spitze zu stehen.
Für Gemeinden mit einem Wert zwischen einer und fünf unterstützten Personen zeigt das BFS aus Datenschutzgründen keine entsprechenden Angaben. Eine nicht dargestellte kleine Zahl darf deshalb nicht kurzerhand als Null gelesen werden. Auch ein Vergleich allein nach der sichtbaren Kreisgrösse würde die Bevölkerungsgrösse ausblenden.
Der angegebene Datenstand ist der 31. Dezember 2025. Die Veröffentlichung beschreibt den Leistungsbezug im Berichtsjahr, nicht eine neue Erhebung der Lage im Oktober 2026. Gerade bei einer als aktuell geteilten Karte sollte diese zeitliche Grenze sichtbar bleiben.
Warum der Vorjahresanstieg Vorsicht verlangt
Die ausgewiesene Zahl unterstützter Personen liegt nach Angaben des BFS 4,5 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Quote bewegt sich zugleich auf einem vergleichbaren Niveau. Daraus folgt weder ein Widerspruch noch der sichere Nachweis einer entsprechend starken sozialen Verschlechterung. Das BFS warnt ausdrücklich vor unbereinigten Zeitvergleichen.
Seit dem abgeschlossenen Modernisierungsprojekt werden monatliche Verwaltungsdaten von rund 1000 Lieferanten weitgehend automatisiert verarbeitet. Neu bestimmt der Bund den Leistungsbezug nach einheitlichen Regeln, behandelt Mehrfacherfassungen kohärenter und berechnet Quoten überarbeitet. Das verbessert die Vergleichbarkeit zwischen Orten, verändert aber auch die statistische Grundlage.
Weil die Umstellung gestaffelt erfolgte, lagen für einzelne Lieferanten nicht durchgehend vollständige frühere Monatsdaten vor. In den Jahresauswertungen werden solche Einführungseffekte mit statistischen Gewichtungen ausgeglichen. Veränderungen können daher tatsächliche Entwicklungen und Erfassungseffekte enthalten. Eine exakte Aufteilung dieser beiden Komponenten liefert die Karte nicht.

Regionale Unterschiede bleiben erklärungsbedürftig
Das bekannte Muster besteht laut BFS weiter: Mehrere Westschweizer Kantone und Basel-Stadt haben höhere Quoten, ländlich geprägte Zentral- und Ostschweizer Kantone häufig tiefere. Die Behörde verweist unter anderem auf Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur sowie die besonderen Belastungen städtischer Zentren. Das ist eine Einordnung, keine vollständige Zerlegung sämtlicher Unterschiede.
Ein kantonaler Durchschnitt kann zudem grosse Unterschiede innerhalb eines Kantons verdecken. Genau hier hat die Gemeindekarte ihren Erkenntniswert. Sie erlaubt, räumliche Konzentrationen genauer anzuschauen, ohne daraus bereits zu folgern, welche einzelne politische Massnahme sie verursacht hat.
Die Sozialdirektorenkonferenz beschreibt die Sozialhilfe als letztes Auffangnetz, wenn eigene Mittel und vorgelagerte Leistungen nicht ausreichen. Regelung, Organisation und Finanzierung sind kantonal geprägt; der Vollzug liegt häufig bei Gemeinden. Die Quote misst dabei Beziehende, nicht die gesamten Kosten dieses Netzes oder die Qualität seiner Beratung.
Ebenso wenig zeigt ein Quotenwert, wie gross die finanzielle Lücke einer unterstützten Person ist. Eine ergänzende Hilfe zu einem vorhandenen Einkommen und eine umfassende Existenzsicherung erscheinen beide als Leistungsbezug. Für eine Budgetdebatte sind deshalb zusätzlich die Höhe und die Dauer der Unterstützung relevant.
Was eine politische Bilanz zusätzlich brauchen würde
Auch Armut und Sozialhilfebezug sind nicht deckungsgleich. Der Kanton Aargau hält in seinem Nachhaltigkeitsbericht fest, dass Nichtbezug verschiedene Gründe haben kann, darunter Scham, Informationslücken sowie rechtliche und administrative Hürden. Eine aktuelle eigene Schätzung des Nichtbezugs weist der Kanton dort nicht aus.
Eine seriöse Bilanz müsste deshalb mehr fragen als nach dem niedrigsten Balken: Erreichen Leistungen Anspruchsberechtigte, wie lange bestehen Notlagen und gelingt finanzielle Eigenständigkeit? Die neue Statistik verbessert die Grundlage solcher Fragen. Sie beantwortet sie nicht allein. Für Schweizer Gemeinden ist das eine Einladung zur genaueren Analyse – nicht zur vorschnellen Siegerehrung.
Quellen
- BFS: Gemeindekarte zur wirtschaftlichen Sozialhilfe 2025
- BFS: Sozialhilfe 2025, Medienmitteilung mit methodischen Erläuterungen
- BFS: Sozialhilfequote nach Kanton und Schweizer Durchschnitt 2025
- SODK: Aufgaben, Zuständigkeit und Finanzierung der Sozialhilfe
- Kanton Aargau: Nichtbezug und Grenzen der verfügbaren Daten
- BFS: OPEN-BY-Nutzungsbedingungen der Originalgrafik
- Titelbild: Hadi / Wikimedia Commons
- Titelbild-Lizenz: CC0 1.0
