Die Schweizer Heizungsstatistik hat selbst ein Wärmeproblem
Das Gebäuderegister weist grosse kantonale Unterschiede aus. Doch fast die Hälfte der Angaben zur Heizung ist älter als acht Jahre – ein Risiko für Planung und Klimapolitik.

Die Schweizer Heizungsstatistik soll zeigen, wie schnell das Land Öl- und Gasheizungen ersetzt. Doch ausgerechnet bei dieser zentralen Klimafrage ist die Datengrundlage überraschend alt. Im Energiemonitoring des eidgenössischen Gebäude- und Wohnungsregisters sind 51 Prozent der erfassten Gebäude der Kategorie Gas und Heizöl zugeordnet. Gleichzeitig wurden 49,7 Prozent der Angaben zur Heizung seit mehr als acht Jahren nicht aktualisiert.
Diese zweite Zahl verändert die Interpretation der ersten. Sie bedeutet nicht, dass die Hälfte der Einträge falsch ist. Eine alte Ölheizung kann weiterhin in Betrieb sein. Sie bedeutet aber, dass der Bund bei einem erheblichen Teil des Bestands nicht aus einer aktuellen Meldung weiss, ob inzwischen eine Wärmepumpe, Fernwärme oder ein anderes System eingebaut wurde.
Ein Register, kein Live-Zähler
Das Monitoring stützt sich auf das Gebäude- und Wohnungsregister des Bundes. Gemeinden und Kantone speisen Informationen aus Volkszählung, Baubewilligungen, Kontrollen vor Ort und weiteren Quellen ein. Das BFS weist für den Datenstand vom März 2026 aus: 34,2 Prozent der Heizungsangaben sind jünger als vier Jahre, 16,1 Prozent vier bis acht Jahre alt und 49,7 Prozent älter als acht Jahre.
Das Register ist deshalb wertvoll, aber kein flächendeckender Live-Zähler des Heizungswechsels. Neue Gebäude sind meist gut dokumentiert, weil sie ein Bewilligungsverfahren durchlaufen. Ein Ersatz in einem bestehenden Haus gelangt je nach kantonalem und kommunalem Prozess unterschiedlich rasch in den Datensatz.

Kantonsvergleiche brauchen einen Warnhinweis
Das BFS-Dashboard zeigt die Daten bis auf Kantons- und Gemeindeebene. Diese Auflösung ist politisch attraktiv: Sie macht sichtbar, wo fossile Systeme häufig registriert sind und wo Alternativen weiter verbreitet erscheinen. Doch ein Ranking kann zwei Effekte vermischen – den tatsächlichen Heizungsbestand und die Qualität der Nachführung.
Ein Kanton mit vielen neu überprüften Einträgen kann auf dem Papier schneller vorankommen als ein Kanton, dessen Register noch alte Anlagen ausweist. Umgekehrt ist ein alter Eintrag nicht automatisch fossil: Entscheidend ist, was zuletzt gemeldet wurde. Seriös ist deshalb nur ein Vergleich, der neben dem Energieträger auch Aktualität und Informationsquelle ausweist.
Diese Einschränkung ist nicht neu. Das BFS hatte bereits bei früheren Gebäude- und Wohnungsstatistiken darauf hingewiesen, dass Änderungen an Heizsystemen nicht systematisch erfasst würden und eine realitätsnahe Darstellung zeitweise nicht gewährleistet sei. Das aktuelle Monitoring macht den Mangel nun messbar.
Weshalb die Datenlücke Geld kosten kann
Für Hauseigentümer ist der Registereintrag zunächst Verwaltungsstoff. Für die öffentliche Hand ist er Planungsgrundlage. Gemeinden müssen abschätzen, wo Stromnetze für Wärmepumpen verstärkt, Fernwärmenetze ausgebaut oder Förderprogramme gezielt werden sollen. Sind Bestand und Erneuerungstempo unklar, drohen Fehlinvestitionen: zu grosse Netze an der falschen Stelle oder zu wenig Kapazität dort, wo viele Heizungen gleichzeitig umgestellt werden.
Auch die Klimabilanz hängt daran. Gebäude verursachen direkte CO₂-Emissionen vor allem durch Öl und Gas. Wenn Ersatzanlagen verspätet im Register erscheinen, wirkt die Transformation langsamer, als sie ist. Bleiben ausgediente fossile Systeme fälschlich als aktiv verzeichnet, werden kantonale Fortschritte unterschätzt. Fehlen umgekehrt stillgelegte oder ergänzende Anlagen, kann die Bilanz zu optimistisch sein.
Die Lösung ist organisatorisch, nicht statistisch
Eine bessere Statistik braucht keine neue Befragung aller Haushalte. Naheliegender wäre, Meldungen aus Bewilligungen, Förderprogrammen, Feuerungskontrollen und Gebäudeenergieausweisen verbindlicher und automatisiert zusammenzuführen – mit klaren Zuständigkeiten und Datenschutzregeln. Besonders hilfreich wäre, bei jeder publizierten Kantonszahl die Aktualität der zugrunde liegenden Einträge gleichwertig anzuzeigen.
Die 51-Prozent-Zahl zeigt, wie gross die fossile Ausgangslage noch ist. Die 49,7-Prozent-Zahl zeigt, wie vorsichtig man den Fortschritt messen muss. Für eine milliardenschwere Wärmewende genügt es nicht, Ziele zu setzen. Die Schweiz muss auch zeitnah wissen, welche Heizung tatsächlich in welchem Gebäude läuft.
51 Prozent sind nicht 51 Prozent der Haushalte
Das Dashboard zählt Gebäude mit erfasstem Heizsystem. Ein Einfamilienhaus und ein grosser Wohnblock erscheinen jeweils als ein Gebäude. Aus dem Anteil von 51 Prozent lässt sich deshalb weder direkt der Anteil der betroffenen Haushalte noch der Energieverbrauch oder der CO₂-Ausstoss ableiten. Für die Klimapolitik müssen Gebäudedaten mit Wohnflächen, Verbrauch und Emissionsfaktoren verbunden werden. Das Register beantwortet die Frage «womit wird geheizt», nicht allein die Frage «wie viel wird ausgestossen».



